1952-2002: 50 Jahre Kegelclub „Muskelkater“

Den runden Geburtstag ihres Kegelclubs „Muskelkater“ nahmen die zehn Mitglieder zum Anlass, die 50-jährige Jagd auf alle Neune im Herbst 2002  zu beenden. Wenn das Durchschnittsalter 78,5 Jahre beträgt, dann wird jeder Außenstehende Verständnis dafür haben, wenn sich die „Muskelkater“-Kegler nicht mehr dem regelmäßigen sportlichen Diktat der Kegelkugel beugen wollen.

Acht der zehn Kegler, die sich am 17. September 2002 zum letzten Male in der Gaststätte „Zur Linde“ zu einer Kegelpartie trafen, waren schon bei der Gründung im Jahre 1952 dabei. Nach dem Umbau der Gastwirtschaft Köllmann an der Erler Straße entschlossen sich einige Mitglieder des alten Kolping-Clubs zur Gründung eines Kegelclubs. Wo früher Pferdeställe standen, Kartoffeln und Kunstdünger gelagert und veräußert wurden, präsentierten Heinrich und Maria Köllmann im März 1952 den erstaunten Stammgästen der alten Gastwirtschaft einen attraktiven Erweiterungsbau. Außer dem großen Bühnensaal wurde von vielen Schermbeckern die Kegelbahn bewundert und als Vereinsraum belegt.

Die komplette Mannschaft des Kegelclubs „Muskelkater“ im Dezember 2002: Sitzend (v.l.): Josef Vortmann, Josef Hörning, Richard Schürmann, Heinz Cremerius, Franz Besten, Heinz David-Spickermann, Hans Rademacher. Stehend (v.l.): Heinz Grewing, Willi David-Spickermann, Hännes Köster. Foto: Scheffler, 3.12.2002.

Am 26. März 1952 gründeten Franz Besten, Heinz Cremerius, Hännes Köster, Paul Overberg, Bruno Prinz, Hans Rademacher, Richard Schürmann, Ernst, Heinz und Josef Vortmann den ersten Kegelclub auf der neuen Bahn der Gaststätte Köllmann. „Wir waren ein gemischter Club in vielerlei Hinsicht“, stellt Heinz Cremerius in der Rückschau fest. Der neue Kegelclub bestand nicht aus einem reinen Kreis von Geschäftsleuten; man unterschied sich in der politischen Auffassung, saß, was damals eher noch ungewöhnlich war, in bunter evangelisch- überwiegend katholischer Runde im Kegelraum. Was einte, war die gemeinsame Auffassung, dass man auch ohne Frauen einen geselligen Abend gut verbringen kann. Ein reiner Männerclub entstand. Die Frauen konterten ein paar Jahre später und gründeten den Club „Nikolaschka“, der nach über 40-jährigem Bestehen am 2. Dezember 2002 aufgelöst wurde.

Voller Schwung starteten die Gründungsmitglieder ihre erste Kegelpartie. Präsident Paul Overberg achtete bereits am ersten Freitag darauf, dass keiner der Kegelbrüder eine ruhige Kugel schob. Kaum ein geübter Kegler befand sich unter den Zwölfen, kein Wunder, dass manch einer beim nächsten Treffen von den Strapazen der vergangenen Woche berichtete. Als schließlich einer lautstark stöhnte: „Mensch, ich hatte vielleicht einen Muskelkater“, war sogleich ein Name für den neuen Verein gefunden.

Für 30 Pfennig Beitrag wurde allwöchentlich gekegelt und dabei allmählich eine solche Fertigkeit entwickelt, dass Kegeljunge Walter Hähnel alle Hände voll zu tun hatte, die Kegel rechtzeitig für den nächsten Wurf aufzustellen. Die eingenommenen Kegelbeiträge wurden gewissenhaft verbucht und – wenn sich eine ausreichende Summe angehäuft hatte – in Naturalien umgesetzt. Wenige Jahre nach der Währungsreform, in einer Zeit, als das Gefühl des Hungers bei vielen noch in der Erinnerung frisch auflebte, müssen die 12 Schinkenschnittchen mit jeweils 3 Spiegeleiern, die laut Angabe des alten Kegelbuches am 8. August 1952 für 22,75 DM verzehrt wurden, als ein rechter Schmaus empfunden worden sein. Eine Bierzeitung aus den ersten Jahren des Vereins hebt als besonders erfreulich jene Augenblicke hervor, in denen Maria Köllmann den hungrigen Keglern eine Wurst stiftete.

Geld war knapp in den frühen 1950er-Jahren, und so besannen sich die Kegler beizeiten auf einen Nebenverdienst: Es wurde getippt und – gewonnen. 4000 DM reichten für einen Ausflug nach Wien. Die Wirkungen des Heurigen wissen auch die inzwischen auf Sprudelwasser umgestiegenen „Veteranen“ noch lebhaft zu schildern.

In Jahren mit geringerem Kassenbestand lagen die Reiseziele zwar näher; die Erlebnisse am Drachenfels, auf Fahrten zu Reitturnieren und Handballspielen – natürlich mit den eigenen Mädchen – haben jedoch gleichfalls das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kegelbrüder über Jahrzehnte hinaus gestärkt. Zu den großen Ausflügen gehörten Fahrten nach München, Paris, Stuttgart, Limone am Gardasee mit Mailand und Venedig, Alassio am Mittelmeer mit Nizza und Monte Carlo sowie eine Schweiz-Rundfahrt mit einem Abstecher zum Matterhorn. Während diese Touren noch ohne die eigenen Frauen veranstaltet wurden, fuhr man im letzten Jahrzehnt gemeinsam. Die erste gemeinsame Reise führte nach Mecklenburg-Vorpommern; besichtigt wurden dabei die Städte Wismar, Schwerin, Rostock, Stralsund und Neubrandenburg sowie die Inseln Hiddensee und Rügen. Zu den vom letzten Kegelpräsidenten Willi David-Spickermann aufgelisteten Kegeltouren gehörten Fahrten nach a) Meissen, Dresden und Prag, b) Wernigerode, Quedlinburg und zum Brocken, c) Lüneburg, in die Lüneburger Heide und zum Wilseder Berg, d) Moorbach, Idar-Oberstein, Bernkastel-Kues und zur Saarschleife, e) Bad Ems, ins Hainbuchental und zum Schloss Mespelbrunn.

Gemeinsame Karnevalsfeste, Hochzeitsfeiern und Feiern zu runden Geburtstagen wurden im Laufe der Zeit zu „lieben Gewohnheiten“. Zum 50. Geburtstag eines Kegelbruders erhielt jedes Mitglied ein Fahrrad. In einer feierlichen Prozedur – mit Frack und Zylinder – wurden Fahrrad und Fahrerlaubnis-Urkunde überbracht. In diesem festlichen Ornat fielen die Kegler natürlich auf. Als sie einmal nach dem Ziel ihres Auftritts in Frack und Zylinder gefragt wurden, wussten sie geschickt abzulenken: „Der Kaplan feiert seine Verlobung, und wir sind eingeladen.“

Sonntags trafen sich die Kegler regelmäßig zum Frühschoppen bei Doernemann. Ob Regierung oder Schalke: Nichts blieb unbehandelt. Bei gutem Wetter traf man sich am Nachmittag zu einer Fahrradtour. Fahrten mit mehr als 40 Kilometern Länge waren keine Seltenheit. Die Fahrt mit dem Fahrrad über die Autobahn A 31 nach Heiden, zu der die Kegler vor der Eröffnung starteten, lässt sich so leicht nicht mehr wiederholen.

„Lorbeeren, Nelken und Rosen haben wir nie geerntet“, stellt Heinz Cremerius fest. Zur Gemeindemeisterschaft ist der Club nur ein einziges Mal angetreten. An Clubkämpfen während des Jahres fand man mehr Gefallen. Vor der Fahrt zum Hullerner Kegelclub hatten die Kegler so viel „Zielwasser“ getrunken, dass sie sich für die in der Hinrunde erlittene Niederlage gnadenlos rächten und haushoch gewannen.

Kontinuität gehörte in fünf Jahrzehnten zu den Kernprinzipien des Kegelclubs „Muskelkater“. „Geschieden ist kein einziger“, freuen sich die Kegler in der Rückschau auf ihre Treue zu den Ehefrauen, die ihnen zahlreiche Silberhochzeiten und sogar schon eine Goldhochzeit bescherten. Geblieben ist fast die komplette Gründungsmannschaft, was bei einem Clubalter von 50 Jahren wohl einmalig in Schermbeck sein dürfte. Günter Wieczorek, Kurt Köster, Hermann Stricker, Josef Hennewig und Dieter Jansen haben eine Zeitlang im „Muskelkater“-Club mitgekegelt. Die meisten von ihnen wurden inzwischen zu Grabe getragen.

Erfreulichere Treffen standen an, wenn die Kegler an der Regentschaft eines Kegelbruders teilnehmen durften. Als Josef Vortmann 1956 mit der erst 14 Tage vorher aus dem Wochenbett „gestiegenen“ Elisabeth Schürmann den Altschermbecker Schützenthron bestieg, brachte jeder Kegler eine Flasche Sekt zur Gratulation mit. Der Sekt wurde allerdings erst im Verlauf des nächsten Kegelabends bei Köllmann getrunken, und zwar zusammen mit 34 weiteren „Piccolos“. Fünf Jahre später (1961) lockte Club-Mitglied Franz Besten die Kegelfreunde ins Reich der Schermbecker Kiliangilde, wo er mit Ute Stricker eine einjährige Regentschaft ausübte.

Wer 50 Jahre gemeinsam gekegelt und viel privat zusammen gefeiert hat, der hat sich viel zu erzählen. Und das soll auch so bleiben. Knapp zwei Monate nach dem letzten Kegelabend trafen sich die ehemaligen Kegler am 5. November 2002 zu ihrem ersten Stammtisch bei Nappenfeld. Dort will man sich künftig an jedem ersten Dienstag im Monat zum Plaudern über „düt un dat“ treffen. Helmut Scheffler

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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