Überlegungen zu einer Situation, die weit über Mesut Özil hinausgeht

Zunächst einmal tut mir der Mensch Mesut Özil leid. Anfeindungen, Ungerechtigkeit und hasserfüllte Kommentare schmerzen. Dass er sich so behandelt fühlt, steht außer Frage. Dass der Eindruck entsteht, er solle als Buhmann schlechthin für das schlechte Abschneiden der DFB-Mannschaft herhalten, ist irgendwie nachvollziehbar. Auch das Empfinden von Undankbarkeit.

Anderes kann ich weniger nachvollziehen.

Warum hat er wochenlang einfach geschwiegen zu dem Foto mit Erdogan? Das, was er jetzt dazu geschrieben hat, hätte er auch schon vor Wochen tun können.

Er hat sich weggeduckt. Als Profifußballer müsste er wissen, dass man sich auf dem Feld nicht wegducken kann. Damit lässt sich kein Spiel gewinnen. Auch keines auf dem Feld öffentlicher Meinung.

Ein Schlüsselwort in seiner Stellungnahme ist das Wort RESPEKT. Das ist ein Wert, der in der türkischen Seele einen weitaus höheren Stellenwert hat als in unserer deutschen. Von daher kann ich teilweise das Foto mit dem türkischen Herrscher nachvollziehen als Respekts-bezeugung dem Amt des Präsidenten gegenüber, dem er nicht respektlos gegenübertreten wollte.

Was ich nicht verstehe, ist:

 Wo bleibt der Respekt von Mesut Özil gegenüber den zahlreichen unschuldigen türkischen Opfern der Machtpolitik von Erdogan? Haben sie keinen Respekt verdient?

 Wo blieb jahrelang sein Respekt vor der deutschen Verfassung und dem deutschen Volk, das in der Nationalhymne symbolisiert ist. Er hat jahrelang bei dem „Staatsakt“ der Nationalhymne beharrlich den Mund verschlossen.

Und diese Erwartung hat nichts mit überzogenem Nationalismus zu tun und stellt auch keinen Affront gegen seine türkischen Wurzeln dar.

 Ich glaube ihm, dass er keine Wahlpropaganda für Erdogan machen wollte.

Aber ist er und sind seine Berater wirklich so naiv zu glauben, dass nur – weil man etwas nicht will – dieses nicht existiert? Wenn ich jemandem in sein Auto fahre, ist der Schaden entstanden, auch wenn ich es nicht wollte.

Das weitere zentrale Stichwort in diesem immer größere Kreise ziehenden Konflikt, ist das Stichwort INTEGRATION.

Mesut Özil musste jahrelang als Musterbeispiel dafür herhalten, ob er wollte oder nicht. Eine solche Vereinnahmung ist nicht unproblematisch.

Und hier stellt sich das grundsätzliche Problem, das über diesen Fußballer hinausgeht.

Menschen, deren Eltern zwei unterschiedlichen Kulturen angehören, können für ihre Kinder eine Brücke in zwei Welten sein, so dass auch sie einmal evtl. Brückenbauer sein könnten. Die Eltern müssten in beiden Kulturen gut integriert sein. Da die Herausforderung aber nicht unerheblich ist, geschieht es nicht selten, dass diese Kinder weder in der einen noch in der anderen Kultur ganz beheimatet sind. Dass sie von der jeweilig anderen Seite als nicht ganz dazugehörend, als nicht wirklich „türkisch“ oder nicht wirklich „deutsch“ angesehen werden.

Integration ist eine große Herausforderung, die allen Seiten viel abverlangt und nicht immer gelingt. Es geht nicht ohne Einfühlungsvermögen in die mir fremde Kultur.

Klaus Honermann

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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