Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch schildert seine Beobachtungen

Bei einer Umfrage zum Thema „Flüchtlinge“

Viele Schermbecker werden es mitbekommen haben: Zwei Schülerinnen der Schermbecker Gesamtschule – Leonie Groß-Fengels und Antonia Wiesner – haben sich unter Anleitung ihrer Lehrerin Stefanie Herbstritt im Rahmen von „Jugend forscht“ für ein ehrgeiziges Projekt zum aktuellen Thema „Flüchtlinge“ entschieden.

Eine Frage, die sie in diesem Zusammenhang beantworten wollen, lautet: „Wie steht die Schermbecker Bevölkerung zum Flüchtlingsproblem?“ Dazu diente eine Umfrage – durchgeführt einmal vor dem Eingang zum Supermarkt REWE, ein anderes Mal an der St. Ludgeruskirche beim „Markt der Hilfe“. Bürgermeister Mike Rexforth und ich unterstützten und begleiteten die beiden Schülerinnen bei diesem Vorhaben.

Beim Pressetermin vor der Umfrage (Foto Scheffler v.l.): Leiter der Gesamtschule Norbert Hohmann, Bürgermeister Mike Rexforth, Schülerin Leonie Groß-Fengels, Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch, Schülerin Antonia Wiesner, Lehrerin Stefanie Herbstritt
Beim Pressetermin vor der Umfrage (Foto Scheffler v.l.):
Leiter der Gesamtschule Norbert Hohmann, Bürgermeister Mike Rexforth,
Schülerin Leonie Groß-Fengels, Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch,
Schülerin Antonia Wiesner, Lehrerin Stefanie Herbstritt

Deutliche Mehrheit war gern bereit, an der Umfrage teilzunehmen
Eine deutliche Mehrheit der Schermbecker, die wir ansprachen, war gern bereit, den Fragebogen auszufüllen und Auskunft zu geben über ihre Ängste und Befürchtugen, ihre Ideen, wie und wo sie helfen können usw. Viele erledigten das sofort. Etliche nahmen den Fragebogen mit nach Hause. Sie wollten ihn dort erstmal gründlich studieren.
Einer der Befragten war so begeistert vom Einsatz und Engagement der beiden Jugendlichen, dass er ihnen ganz spontan einen Kakao spendierte. Eine wirklich nette, wärmende Geste angesichts der Kälte, in der die Umfrage vonstatten ging.
Manche koppeln sich ab vom gesellschaftlichen Diskurs.
Aber nicht alle waren so nett. Einige wehrten entschieden und brüsk ab. An einer Umfrage zum Thema „Flüchtlinge“ teilnehmen? Kommt gar nicht in Frage! Und dann kam es von etlichen fast wortgleich: “Was ich aufschreiben würde, das wollen Sie gar nicht wissen!“ Natürlich entgegneten die beiden Schülerinnen, dass sie an jeder Meinung interessiert seien, schließlich ginge es bei der Untersuchung darum, in dieser Frage ein halbwegs repräsentatives Bild unserer gegenwärtigen Schermbecker Gesellschaft zu ermitteln. Außerdem sei die Umfrage ja anonym.
Aber das alles half nichts. Ich habe den Eindruck, dass sich da manche von jenem gesellschaftlichen Diskurs, der für jede Demokratie grundlegend wichtig ist, verabschieden oder schon längst verabschiedet haben. Eine in meinen Augen sehr problematische und gefährliche Tendenz.
Kommen Sie mir nicht mit den Flüchtlingen…
„Kommen Sie mir nicht mit den Flüchtlingen. Ich muss mit 200,00 € im Monat auskommen. Und bei der Tafel, da bleibt für unsereins nichts mehr übrig. Um uns Deutsche kümmert man sich nicht, aber um die Ausländer.“ Eine der sehr aggressiven Äußerungen, die zu hören waren. Auch in diesem Falle war ein Gespräch nicht möglich und nicht gewollt.
In unserer Gesellschaft, die durch eine wachsende Kluft zwischen Reich und Arm gekennzeichnet ist, gibt es eine zunehmende Zahl von Menschen, die sich als Verlierer erleben. Sie haben das Gefühl, zu kurz zu kommen, dass ihnen das vorenthalten bleibt, was anderen zukommt, und dass der Staat sich nicht ausreichend um sie kümmert. Angesichts der Tatsache, dass in Funk und Fernsehen rund um die Uhr die Flüchtlinge das zentrale Thema sind, ist es verständlich, dass sich solche Menschen zunehmend weniger wahrgenommen fühlen und entsprechend aggressiv reagieren.

Die Verantwortlichen in Staat, Kirche und Gesellschaft sollten dieses Phänomen aufmerksam im Blick behalten und entsprechend mit ihm umgehen, sonst droht das gesellschaftliche Gleichgewicht in unserem Lande aus der Balance zu geraten. Manchmal würde es vermutlich schon hilfreich sein, wenn genauer darüber informiert würde, was und wieviel den Flüchtlingen, wieviel den Harz-IV-Empängern zukommt usw. Das würde manchen blühenden Phantasien vielleicht schon Einhalt gebieten.
Auch Deutsche flohen immer wieder in andere Länder.

„Wenn ich nichts zu brechen und zu beißen hätte, wenn ich meine Kinder nicht satt kriegen würde, dann würde ich auch auswandern – in ein Land, in dem sie eine Zukunft haben.“ Das war eine Äußerung vom anderen Ende der Skala, ein interessanter Perspektivenwechsel. Ja, was würden wir denn machen, wenn wir vom Hunger heimgesucht würden oder verfolgt und unterdrückt würden, keine Perspektive hätten für uns selbst und die Menschen, für die wir verantwortlich sind. Würden wir unser Schicksal einfach hinnehmen? Es ertragen und erdulden? Doch wohl nicht. Wir würden uns auch auf den Weg machen – wie Deutsche vergangener Jahrhunderte (aus dem Schwarzwald, aus dem Hunsrück…) es in Zeiten von Hunger oder Verfolgung auch immer wieder getan haben.
Perspektivenwechsel relativieren manches!
Derjenige, der im Notfall aus Deutschland flüchten würde, machte übrigens noch eine weitere interessante Bemerkung: „Wir sind ein Volk von ca. 80 Millionen Menschen und sollten eine Million Menschen oder auch ein paar mehr nicht aufnehmen können? Bei unserem Reichtum? Was sollen denn da die Jordanier sagen? Etwa 7 Millionen Einwohner hat Jordanien, ist ein bettelarmes Land und hat 2 Millionen Menschen aufgenommen!“ Die Zahlen stimmen vielleicht nicht ganz genau, kommen aber der Wahrheit sehr nahe. Was den Libanon angeht, so sieht dort die Lage ähnlich aus: Etwa 4,5 Millionen Einwohnern stehen da (nach dem letzten Stand der Dinge) 1.15 Millionen Flüchtlingen gegenüber. Schaut man sich das Verhälntnis zwischen Einwohner- und Flüchtlingszahl an, so liegt Deutschland an 50. Stelle, also wahrlich nicht gerade vorne! Jordanien, der Libanon und viele zum Teil viel ärmere Länder liegen da weit, weit vor uns.
Wie kann ich helfen? Was kann ich tun?
„Ich würde in dieser wirklich schwierigen Situation gern was tun. Aber ich bin beruflich zu sehr eingespannt. Außerdem brauche ich auch Zeit für meine Familie. Ich weiß nicht, wie ich das alles unter einen Hut bringen soll.“ Das ist sicherlich ein Problem vieler.
Mit dem, der sich so äußerte, kam ich in ein längeres Gespräch. Ich fragte nach seinem Beruf, nach seinen besonderen Qualifikationen – und sehr bald hatten wir eine Idee, wie und wo er seine besonderen Fähigkeiten einsetzen kann. Ohne seine anderen Verpflichtungen zu vernachlässigen. Wir tauschten unsere Telefonnummern aus und vereinbarten ein Treffen.
Wolfgang Bornebusch, Pfarrer i. R.

 

Vorheriger Artikel25 000 arktische Wildgänse zu Gast auf der Bislicher Insel
Nächster ArtikelZulassungsstelle künftig samstags geschlossen?
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.