Schermbecker Gesamtschüler erinnerten an die Reichspogromnacht
 Am 9. November, an dem deutschlandweit der Reichspogromnacht des Jahres 1938 gedacht wurde, lud die Gesamtschule zu einer Gedenkstunde ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die von der Geschichtslehrerin Anna Zurhausen vorbereitet wurde, stand ebenfalls das Geschehen im Umfeld des 9. Novembers 1938.

Auslöser für die Pogromnacht war die Nachricht vom Tod des deutschen Botschaftssekretärs Ernst von Rath, die die Führung der NSDAP ausgerechnet während eines Treffens am 15. Jahrestag des Hitler-Putsches in München erreichte und Josef Goebbels mit Zustimmung Adolf Hitlers zu einer Hetzrede veranlasste. Auf der Basis dieser Hetzrede wurden von den SA-Führern in München telefonisch Befehle durch ganz Deutschland gegeben, Zerstörungen und Brandschatzungen vorzunehmen. Die Schaufenster jüdischer Geschäfte wurden zertrümmert, was später zu dem Namen „Reichskristallnacht“ führte. Etwa die Hälfte aller Synagogen und Gebetshäuser in Deutschland wurde zerstört oder stark beschädigt.

Vor dem jüdischen Friedhof am Schermbecker Bösenberg versammelten sich am Jahrestag der Reichspogromnacht gestern die Mitgestalter des Gedenktages, der mit mehreren Vorträgen in der Gesamtschulaula begann. Foto: Helmut Scheffler

„Das hier ist mehr als ein Gedenken. Das ist eine aktive Auseinandersetzung mit den Ereignissen des Jahres 1938“, bescheinigte gestern Michael Rubinstein als Geschäftsführer des „Landesverbandes der jüdischen Gemeinden“ der Gesamtschule, die seit mehreren Jahren im November an die Ereignisse im Umfeld der Reichspogromnacht erinnert.

„Es ist wichtig, dass wir so etwas nicht vergessen“, begründete der stellvertretende Bürgermeister Engelbert Bikowski sein Lob für die Gedenkveranstaltung in einer Zeit, in der ihn das kalte Grausen erfasse, wenn er sehe, wie auf der Welt auch heute viele Menschen verfolgt und ermordet würden.

Mehrere Schüler der beiden Leistungskurse Geschichte der Q2 steuerten in der Aula der Gesamtschule lehrreiche Referate zu Einzelaspekten der Verfolgung jüdischer Bürger Schermbecks bei. Janis Ihnen beschrieb die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Schermbeck. Den ältesten Hinweis auf Schermbecker Juden findet man in den Kirchenbüchern der Georgsgemeinde. 1676 wurde dort notiert, dass der Schutzjude Philippus starb. 1681 wurde der jüdische Friedhof erstmals erwähnt. Janis Ihnen berichtete über restriktive Judengesetze von 1713 und 1728, von Diskriminierungen im 18. Jahrhundert. Sein Gang durch die Geschichte endete mit den Ausgrenzungen der jüdischen Bevölkerung im Schermbeck der 1930er-Jahre und mit einer kurzen Schilderung der Ereignisse am 9. November 1938, als die SA, die SS und die Hitlerjugend aus Brünen die Wohnungen von Schermbecker Juden zerstörten.

Als eine großartige Bereicherung der Ortsforschung erwies sich das Referat von Finn Jungenkrüger über „Schermbeck in der NS-Zeit“, weil er aus der Vielzahl der teilweise sehr versteckten Quellen akribisch nachwies, wie nach der Gründung der NSDAP Wesel am 10. Oktober 1929 Schermbeck eine eigene NSDAP-Ortsgruppe erhielt, welche Auswirkungen der Nationalsozialismus auf das Vereinsleben hatte und wie zusehends jüdische Bürger Schermbecks aus dem Vereinsleben ausgeschlossen wurden. Jungenkrüger fand bei seinen Forschungen auch ein Programm, vom „Tag der nationalen Arbeit“ in Schermbeck im Jahre 1938, der mit einer Jugendkundgebung auf der Festwiese begann und mit einem Festzug durch den Ort fortgesetzt wurde. Um die Mittagszeit wurde die Rede Adolf Hitlers übertragen. Am Abend fand eine Tanzveranstaltung im Saal Overkämping statt.

Mit dem Leben der Schermbecker Jüdin Marga Randall befassten sich Nathalie Baumeister, Till David-Spickermann, Julian Mülders und Lena Beemelmanns. Als Kind erlebte Marga Silbermann in Schermbeck die Pogromnacht. 1939 zog sie mit ihrer Familie nach Berlin. Die Auswanderung in die USA rettete ihr das Leben. Erst 1981 kehrte Marga Randall erstmals nach Schermbeck zurück.

Atemlose Stille herrschte in der Aula, als die Schermbeckerin Marlis Fengels Passagen aus ihrem im Jahre 2004 erschienenen historischen Roman „Die Schönenbecker“ vorlas, in dem die Entwicklung Schermbecks in den Jahren 1893 bis 1945 dargestellt wurde. Fengels wählte aus dem neunten Kapitel dieses Buches jene Vorgänge aus, die sich am 9. November 1938 in Schermbeck abspielten, als die Nazis mehrmals über die Adolf-Hitler-Straße (heute Mittelstraße) zogen, um in eskalierender Weise die Wohnungen jüdischer Bewohner zu zerstören. Der letzte Zug durch den Ort endete an der Synagoge zwischen Georgstraße und der heutigen Straße „Hinter der Mauer“. Die Synagoge wurde zwar zerstört, aber nur deshalb nicht abgebrannt, weil man befürchtete, dass dann die Nachbarhäuser mit abbrennen könnten.

Der Gedenktag endete gestern mit einem Gang durch den Ort zum jüdischen Friedhof, wo in zwei Kurzvorträgen die Geschichte des Friedhofes vorgestellt wurde. Der jüdische Friedhof am Schermbecker Bösenberg ist einer von elf jüdischen Friedhöfen im Kreis Wesel. Marie Grätz und Julia Schröder berichteten über den ersten Nachweis für eine jüdische Bestattung in Schermbeck im 17. Jahrhundert. Der älteste von insgesamt 31 Grabsteinen stammt aus dem Jahre 1801. Hinzu kommen in der Nähe des Eingangs zwei Gedenksteine, die an jene jüdischen Bürger Schermbecks erinnern, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft deportiert und ermordet wurden. Der erste Friedhof wurde um ein Grundstück vergrößert, das die jüdische Gemeinde im Jahre 1905 erwarb. Die letzte Bestattung fand im Jahre 1941 statt. Am 8. Februar 2007 wurde der Friedhof in die gemeindliche Denkmalliste eingetragen.

Hanna Wegner, Alicia Theis und Joline Rosendahl erinnerten an Mitglieder der jüdischen Familien Anschel, Schönbach, Marchand, Adelsheimer, Hoffmann und Sternberg.

Peter Vasadi löste sein Versprechen ein, das er als ehemaliger Lehrer der Gesamtschul-Partnerschule „Lauder Javne Iskola“ in Budapest vor einigen Monaten gegeben hatte. Der jetzt in Düsseldorf unterrichtete Religionslehrer kam gestern zum Gedenktag nach Schermbeck und sprach ein Gebet in hebräischer und deutscher Sprache, bevor die Besucher den Friedhof betraten. Auf den Grabsteinen legten die Teilnehmer nach altem jüdischen Brauch Steine ab. Manche Teilnehmer stellten zum stillen Gedenken Kerzen vor den Gräbern ab. Helmut Scheffler

Vorheriger ArtikelKlaus Roth wurde einstimmig wiedergewählt
Nächster ArtikelWas ist los mit der Kulturstiftung Schermbeck?
Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here