Schermbecker Stadtmauer muss wiederhergestellt werden – Sanierungsarbeiten sollen zeitnah ausgeschrieben werden

Der „Zahn der Zeit“ macht auch vor steinernen Bauwerken nicht Halt. Das bewies in den letzten Jahren auch die Schermbecker Stadtmauer am Nordrand des ehemaligen Schermbecker Ortskerns nahe dem oberen Mühlenteich.

Als die Stadtmauer im Bereich „Zum Bleichwall“ im Jahre 2018 vom Efeubewuchs befreit wurde, entstand die Vermutung, dass die Mauer einsturzgefährdet sein könnte.

Die Vermutung bestätigte sich, als im Rahmen von Schürfen festgestellt wurde, dass die Standsicherheit gefährdet war. Bevor man nach intensiven Beratungen mit dem Amt für Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbandes Rheinland Sanierungsarbeiten durchführen konnte, stürzte ein Teil der Mauer ein.

Für die Sanierung bzw. Wiederherstellung der Stadtmauer, die am 18. April 1995 unter Denkmalschutz gestellt wurde, ist laut Denkmalschutzgesetz die Gemeinde Schermbeck zuständig.

Am Südrand des Parkplatzes in der Straße „Zum Bleichwall“ befindet sich ein Teil der ehemaligen Stadtmauer, die von hier aus direkt auf die Burg (im Hintergrund r.) zuführte. Der rechte Teil ist inzwischen eingestürzt und soll noch in diesem Jahr erneuert werden. Foto: Helmut Scheffler

Am 23. März 2020 erhielt die Gemeinde einen Zuwendungsbescheid über 39 000 Euro. Da das Geld aber erst um Haushaltsjahr 2022 ausgezahlt wird, die Gemeinde aber im Haushalt des Jahres 2020 für diese Maßnahme 85 000 Euro eingestellt hatte, sollen die Sanierungsarbeiten zeitnah ausgeschrieben werden, um das historische Ortsbild in diesem Bereich wieder zu vervollständigen. Angestrebt wird eine Projektdurchführung vor dem Wintereinbruch.

Investition für ein 600 Jahre altes Bauwerk

Die Investition trägt dazu bei, dass ein rund 600 Jahre altes Bauwerk für die Nachwelt erhalten bleibt und dadurch an jene Zeit erinnert, als Schermbeck noch komplett von einer Befestigungsanlage umgeben war. Das Bauwerk ist im Verein mit der Burg ein Zeugnis für die Siedlungs-, Territorial-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte im rechtsrheinischen-westfälischen Raum sowie für die Entwicklung der Stadtplanung und des Befestigungsbaues im Spätmittelalter.

Stadtmauer, Stich Feltman
Henrik Feltmans Stich aus der Zeit zwischen 1660 und 1669 zeigt den Verlauf der Stadtmauer auf der Südseite der befestigten Stadt Schermbeck.

Wer heute vom Rathaus über die Mittelstraße in Richtung Ludgeruskirche fährt, kann sich kaum noch vorstellen, dass Durchreisende vor einem halben Jahrtausend sich an einem Stadttor ausweisen mussten, bevor sie ihre Reise fortsetzen konnten. Auch in umgekehrter Richtung verhinderte ein Stadttor den freien Zugang.

Mühlentor und Steintor

An die beiden Tore erinnern noch heute die Straßenbezeichnungen „Mühlentor“ und „Steintor“. Sie waren Teil einer Befestigungsanlage, die – zusammen mit der Burg – der Bevölkerung vor allem in kriegerischen Zeiten Schutz bot.

Die Grafen von Kleve hatten um 1300 ihre Machtstellung so weit gefestigt, dass sie zum Schutz ihrer Grenze eine Burg errichten konnten, die sie mit bewaffneten Burgmannen und Burgleuten besetzen. „Die Burg Schermbeck ist seit etwa 1350 Amtssitz der Drosten und Amtmänner gewesen und bis Mitte des 17. Jahrhunderts geblieben“, stellte der Brichter Heimatforscher Dr. Dr. Arnold Maas in den frühen 1970er-Jahren fest.

Zwischen 1415 und 1420 ließ der klevische Herzog Adolf Schermbeck befestigen. Der Ort, dem etwa im Jahre 1417 vom Herzog Adolf die Stadtrechte verliehen wurden, erhielt eine Stadtmauer, die über zwei Stadttore und acht Türme verfügte. In Egbert Hopps Buch „Kurtze Beschreibung deß Landes sampt angehenckter Genealogioe der Graffen und Hertzogen zu Cleve…“ aus dem Jahre 1655 fand Dr. Maas einen Hinweis auf die Burg und die Stadtmauer.

Die älteste bislang bekannte kartografische Darstellung der Schermbecker Befestigungsanlage findet man auf einer Karte aus dem Jahre 1640, die sich im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf befindet. Repro: Helmut Scheffler

Die älteste bislang bekannte kartografische Darstellung der Befestigungsanlage fand ein Dammer Heimatforscher im Jahre 1979 im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (Handschrift N III 7). Diese Karte aus dem Jahre 1640 zeigt das „Ampthuis“ (Burg) mit dem „Borg Graben“ und einem äußeren „Wall“, außerdem die Stadtmauer mit einem vorgelagerten „Wasser Graben“ und dem „Stadtwall“.

Noch anschaulicher wird die Befestigungsanlage beim Blick auf einen Stich, der in verschiedenen Publikationen noch immer unter der Bezeichnung „Schermbeck um 1700“ abgedruckt wird, obwohl seit mindestens 1987 bekannt ist, dass der Stich von Henrik Feltman zwischen 1660 und 1669 entstanden sein muss.

Burg und Stadtmauer haben während einiger Stadtbrände fast gar nicht gelitten. Beim Stadtbrand am 14. August 1424 oder 1425 soll laut Übersetzung einer lateinischen Inschrift am Tage vor dem Feste Himmelfahrt „die Stadt Schermbeck besetzt und ganz mit Kirche und Burg in Brand“ gesteckt worden sein. Beim zweiten Stadtbrand im Sommer 1483 wurde die Burg nicht zerstört. Aus der Tatsache, dass in zwei Bittschriften aus den Jahren 1640 und 1641 in der Liste der 65 beschädigten Häuser die Burg fehlt, kann man schließen, dass die Burg beim dritten Stadtbrand am 28. Juni 1640 nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die beiden Stadttore hatten hingegen sehr gelitten. Beim vierten Stadtbrand am 29. September 1742 tauchen in keinem der von Dr. Maas gefundenen Bittschreiben über die Brandgeschehnisse Teile der Befestigungsanlage auf.

Beim fünften großen Stadtbrand im März 1945 gab es den größten Teil der Stadtmauer gar nicht mehr. Die Stadtmauer war noch auf Karten im 18. und frühen 19. Jahrhundert in Teilen zu erkennen. Mit der teilweisen Niederlegung von Mauern und Wällen wurde ab 1718 begonnen, wobei auch der Stadtgraben mit Materialien des vorgelagerten Walls zugeschüttet und das neu gewonnene Land verpachtet wurde. Mit der Eingliederung Schermbecks in den preußischen Staat nach der kurzen Zeit der französischen Fremdherrschaft verlor Schermbeck an überregionaler Bedeutung. 1832 wurden die Stadttore und die dazu gehörenden Torschreiberhäuser verkauft.

Reste der Mauer und des vorgelagerten Grabens, der ursprünglich vom Mühlenbach gespeist wurde, sind noch heute im Gelände zu erkennen. Bauliche Reste des Mühlentores und des Steintores sind obertägig zwar nicht erhalten, wohl aber Teile der Stadtmauer an zwei Stellen, und zwar südlich der Straße „Hinter der Mauer“ und nördlich des Vereinsheims der Sportschützen Schermbeck an dem Parkplatz vor der Brücke zum Bösenberg. Am letztgenannten Standort ähnelt die Stadtmauer am ehesten ihrem ursprünglichen Aussehen. Die Stadtmauer im Bereich „Hinter der Mauer“ wurde im Zuge der Anlegung des Volksbank-Parkplatzes im ehemaligen Wallgraben im Jahre 2002 restauriert. Im Jahre 2011 tauchten Teile der Stadtmauer auf, als in der Georgstraße im Bereich der ehemaligen Budo-Schule ein Gebäude abgerissen wurde. Helmut Scheffler

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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