Die Gahlener Laienspielschar im Jahre 1937
Die Gahlener Laienspielschar im Jahre 1937

Die Plattdeutsch-AG des Gahlener Heimatvereins lädt zu einem Nachmittag mit plattdeutschen Sketchen, Gedichten und Vorführungen ein. Unter dem Motto „Düt und Dat op Platt“ erwartet die Zuschauer am 14. April ab 16 Uhr im Café Holtkamp ein abwechslungsreicher Nachmittag, an dessen Gestaltung auch die Nachwuchs-„Proatköster“ mitwirken. Einlass ist bereits um 15.30 Uhr. Der Eintritt kostet neun Euro, beinhaltet aber auch ein Kännchen Kaffee und ein Stück Kuchen. Karten gibt es im Vorverkauf bei der Volksbank und bei der Verbands-Sparkasse in Gahlen.

Vor einem Auftritt muss - wie hier im April 2011 in Elsbeth Kleins Gartenhaus  -eifrig geprobt werden. Foto Scheffler
Vor einem Auftritt muss – wie hier im April 2011 in Elsbeth Kleins Gartenhaus -eifrig geprobt werden. Foto Scheffler

Die Laienspielschar ist nicht nur die älteste Arbeitsgruppe des Heimatvereins Gahlen, sie ist sogar sein Ursprung. Das verstärkte Heimatbewusstsein zu Beginn der 1930er- Jahre fand auch im Lippedörfchen Gahlen einen fruchtbaren Nährboden. Seit 1933 gab es einen Umzug zum 1. Mai. Im Jahr 1936 entstand in der Spielschar-Jugendgruppe die Idee, zum Maifeiertag ein größeres Theaterstück aufzuführen.

Bäckermeister Mertens (Gerd Becks, 2.v.r) und seine Frau Margarete (Anneliese Kammer, r.) staunen nicht schlecht, als ihnen Tochter Grete (Edith Hülsemann, 2.v.l.) ihre eigenen Liebesbriefe aus längst vergangenen Tagen präsentiert, welche von der Pensionsleiterin Lene Harms (Renate Eschenröder, l.) in Gretes Nachttisch entdeckt worden waren. Foto: Scheffler
Bäckermeister Mertens (Gerd Becks, 2.v.r) und seine Frau Margarete (Anneliese Kammer, r.) staunen nicht schlecht, als ihnen Tochter Grete (Edith Hülsemann, 2.v.l.) ihre eigenen Liebesbriefe aus längst vergangenen Tagen präsentiert, welche von der Pensionsleiterin Lene Harms (Renate Eschenröder, l.) in Gretes Nachttisch entdeckt worden waren. Foto: Scheffler, 3. Oktober 2004 im Stück „Maimont

Man brauchte Männer, um lebenswirkliche Theaterstücke aufführen zu können. Paul Heckermann, Hermann Höchst und Hugo Romswinkel boten spontan ihre Mithilfe an. Heimatdichter Heckermann schrieb die Stücke, die Geschichte vom „Drögen Jann“, der sich gewaltsam gegen das Heiraten sträubt, oder vom dummen „Söffken von Besten“, das in seiner neuen Stellung auf dem Bauernhof in allerlei Verwicklungen gerät.

Als die Laienspieler erstmals am 1. Mai 1936 im Uhlenbruckschen Saale Gahlener zum Lachen brachten, begann die Serie heiterer Volksstücke, mit denen alljährlich am Maifeiertag und zum Erntedankfest Gahlener Platt gepflegt wurde. Geprobt wurde in der Küche der Spielleiterin Anna Guilhaus. Mit „Tante Bettken wott modern“ spielte sich die Laienspielgruppe während des Krieges auch in die Herzen der einquartierten Soldaten. Mit mehrstimmigen Gesängen und plattdeutschen Komödien entwickelte sich im Uhlenbruckschen Saale eine Art „Fronttheater“, das auch im Dorstener Ursulinenkloster unter den verwundeten Soldaten begeisterte Zuschauer fand. Mit Schifferklavier, Geige und Schlagzeug unterstützten drei Flaksoldaten vom Steinberg zeitweise die Theatertruppe. Die Kulissen für die Theaterstücke wurden im Hause Heckermann gezimmert und von Paul Heckermann mit Tuch bespannt und passend bemalt.

Die Plattdeutsch-AG des Gahlener Heimatvereins im Jahre 2008
Die Plattdeutsch-AG des Gahlener Heimatvereins im Jahre 2008

Das Jahr 1945 bedeutete für die Laienspielschar ein vorübergehendes Ende; fehlte es doch an einem geeigneten Saal und dem Sinn in der Bevölkerung für derbe Situationskomik in einer Zeit allgemeiner Not und des Bemühens, das persönliche Schicksal zu meistern.

Im Zusammenhang mit der Gründung des Heimatvereins Gahlen erwachte 1950 der Gedanke an eine Wiederbelebung der Gahlener Laienspielschar. Paul Heckermann, der während der ersten Versammlung des Heimatvereins im Saal Benninghoven zum Vorsitzenden gewählt wurde, fand bei Männern wie Willi Erley, Hermann Höchst und Alfred Schult-Heidkamp offene Ohren für das Anliegen, die Theatertradition fortzusetzen. Bereits beim Erntedankfest 1950 erlebten Gahlener im renovierten Saal „Schult auf dem Kamp“ die Suche des Bauernsohns Willem nach einer passenden Frau mit. Den Text für die Aufführung von „Anna, min Anken“, mit dem etwa 20 Mitwirkende – darunter auch einige Flüchtlinge – zwei Stunden lang für Lachsalven sorgten, hatte Heckermann während seiner Internierung in Hemer geschrieben.

Auf Alfred Kühns Milchwagen oder in Willi Erleys altem Opel P4 wurden die Kulissen und Kostüme zum Saal Welschen in Hünxe oder nach Lindekamp in Bruckhausen gebracht, wo die Gahlener mehrmals in den 50er-Jahren auftraten. „Manchmal kamen wir erst lange nach Mitternacht zurück“, erinnerte sich im Jahre 1986 August Wischerhoff an die Rückfahrten mit dem Fahrrad, nachdem man zuvor ohne Wissen der Regisseurin hinter der Bühne schon heimlich ein paar Gläschen getrunken hatte. „Frau Guilhaus haben wir stets vorgeflunkert, in der Flasche sei Wasser“, lachte Renate Walbrodt 1986 in der Rückschau auf so manchen Spaß hinter den Kulissen.

Seit 2008 werden Kinder in der Gemeinschaftsgrundschule im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft mit der plattdeutschen Sprache vertraut gemacht. Die Kinder sind seither schon mehrfach bei Gahlener Dorffesten aufgetreten. Die Aufnahme entstand beim Erntedankfest des Jahres 2010. Foto Scheffler
Seit 2008 werden Kinder in der Gemeinschaftsgrundschule im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft mit der plattdeutschen Sprache vertraut gemacht. Die Kinder sind seither schon mehrfach bei Gahlener Dorffesten aufgetreten. Die Aufnahme entstand beim Erntedankfest des Jahres 2010. Foto Scheffler

Gahlener Laienspieler wurden von Jahr zu Jahr beliebter. Mit Stücken wie „Hinkelhahn`s Hochzeit“, „Aschenputtel“, „Wittrops Hoff“, „Opa wott verkoff“ und „Du melkst de Hippe“ sah man sie schließlich sogar am Voshövel und in Brünen, wo nicht nur der akzentuierte Vortrag im Gahlener Platt begeisterte, sondern auch die geschmackvollen Kostüme, die Anne Guilhaus selbst nähte. Die meisten Kleider und Stoffe bekam sie von den Höfen, und manche Bäuerin soll noch kurz vor dem Tod beschlossen haben, dass ihre Kleider der Laienspielschar übergeben werden. Der Speicher im Hause Guilhaus hätte zeitweise mit dem Requisitenlager eines Provinztheaters durchaus konkurrieren können. Ob volantbesetzte Kattunschürzen, lange, schwarze Wollröcke, bestickte Blusen und Joppen, auf dem Speicher im Hause Guilhaus fand sich manches originalgetreue Kleidungsstück aus längst vergangenen Zeiten. Peter Guilhaus half als ehrenamtlicher Bühnenmeister ebenso wie als Laufbursche, wenn es galt, die Laienspieler kurzfristig zu einer Probe einzuladen.

Die zunehmende Motorisierung hat die Auftritte der Gruppe wesentlich erleichtert. Zur Einweihung der Dinslakener Stadthalle sorgte die Laienspielschar mit dem „Kartoffelkörv“ für Superstimmung. Bruckhausener Freunde des Laienspiels erlebten in den 60er-Jahren, wie „Wieverlist geht över Düwelslist“. Auch außerhalb der Gemeindegrenzen traten Gahlener Laienspieler wie Profis auf. Lampenfieber hat Spielleiterin Anna Guilhaus nie gekannt. „Wissen Sie, als eine gebürtige Berlinerin, die zudem schon in der Schule auf der Bühne stand, brauchte ich nicht nervös zu sein“, wie 1986 die damals 82-jährige Dame jede Anwandlung von Befangenheit resolut zurück.

Im Rahmen einer Dokumentation über dörfliches Leben, für die das dritte Fernsehprogramm auch in Gahlen drehte, wurden die Laienspieler im Saal von Gottlieb Gerpeides „Zur Linde“ zu Repräsentanten des Gahlener Brauchtums. Am 9. November 1965 konnten sie ihr Können im Fernsehen bewundern.

Eine merkliche Beeinträchtigung der Laienspielarbeit bedeutete die Schließung des Saals „Schult auf dem Kamp“ Mitte der 70er-Jahre. Fortan sah man die Gruppe nur noch in kleineren Behelfssälen, in der Gaststätte „Zur Linde“ oder im Gemeindehaus in Gahlen. Anstelle der in früheren Jahrzehnten üblichen jährlichen großen Aufführung traten kleinere Auftritte bei Landfrauenvereinigungen, Altenfesten der Evangelischen Kirchengemeinde Gahlen, Jahresfesten der Frauenhilfe oder der Kyffhäuserkameradschaft. Die Beschränkung der Aufführungsbedingungen traf die Gahlener in einem ungünstigen Moment, zumal die Rückbesinnung auf die Werte der Mundartdichtung zu Beginn de 80er-Jahre für das notwendige Publikum gesorgt hätte.

1987 fand der Heimatvereinvorsitzende Gustav Ruloff mit dem Wunsch, das Laienspiel neu zu beleben, bei einigen Gahlenern wieder offene Ohren. Beim Liederabend des Männergesangvereins Gahlen-Dorf Ende Oktober 1988 im neuen Saal Schult in Östrich sorgte die Laienspieler um Leiterin Renate Walbrodt mit drei Einaktern erstmals wieder für schallendes Gelächter. Für Missverständnisse sorgte der Bauer Hannes, der sich im ersten Einakter „Bi de Polizei“ vor den Ordnungshütern rechtfertigen musste. Im Einakter „ De neje Denstmagd“ versetzte die anspruchsvolle Magd Dora die Bäuerin Emma ins Staunen. Als extrem unschlüssiger Vertreter des männlichen Geschlechtes wusste Bauer Hermann im Einakter „Parapluie“ nicht, ob er seinen Schirm mitnehmen sollte. Seither hat sich die Laienspielschar bei der Gestaltung der Gahlener Heimatabende einen festen Programmplatz erobert und sich weiterhin um den Fortbestand der Mundartdichtung bemüht.

Die Plattdeutsch-AG auf der Treppe zur Gahlener Dorfkirche nach ihrem Auftritt beim Erntedankfest des Jahres 2012. Foto Scheffler
Die Plattdeutsch-AG auf der Treppe zur Gahlener Dorfkirche nach ihrem Auftritt beim Erntedankfest des Jahres 2012. Foto Scheffler

Inzwischen sind wieder einige neue Akteure der Laienspielschar beigetreten; außerdem haben seit September 2008 einige Mitglieder begonnen, den Kindern der 3. und 4. Klasse in der Gemeinschaftsgrundschule die Mundart näher zu bringen, um so durch die Jugendarbeit auch zukünftig weiterhin den Bestand der Laienspielschar zu unterstützen. Das Interesse war auf Anschlag zu groß, dass sofort zwei Gruppen mit jeweils etwa 15 Jungen und Mädchen gebildet werden konnten. Die Betreuung der Gruppen übernahmen Annemarie Unterberg, Gerd Becks, Rainer Zeppen und Renate Eschenröder. Etwa ein Dutzend Kinder hat in den letzten Jahren wiederholt zur Gestaltung von dörflichen Festen und Veranstaltungen beigetragen. Der kreis Wesel zeigte sich von dem Bemühen der Gahlener, den Kindern die plattdeutsche Sprache in Form von Rollenspielen, Märchen und Theaterstücken näher zu bringen, derart beeindruckt, dass im Jahre 2009 ein Zuschuss in Höhe von 3000 Euro gewährt wurde. Die Mittel erlaubten einen großzügigen Einkauf von Rollenbüchern für das Einüben von mundartlichen Texten sowie für die Beschaffung von transportablen Bühnenbildern. Ein Weihnachtsgeschenk der besonderen Art bescherte die Verbands-Sparkasse 2009 der Mundartgruppe: Seither treten die Kinder in einheitlicher Tracht vors Publikum: mit blau-weiß gestreiften „Baselüntkes“ (Kitteln), roten Halstüchern und Klumpen. Helmut Scheffler

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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