Schermbecker Nachbarschaft Mühlentor wird nach 200 Jahren beendet

Das Ende der Nachbarschaft Mühlentor zeichnete sich zwar schon seit einigen Jahren ab, aber bis zum 200-jährigen Bestehen wollten die Nachbarn dennoch warten, bis sie den offiziellen Charakter ihrer Nachbarschaft beenden.

Am Sonntagnachmittag trafen sich die Nachbarn in der Gaststätte Overkämping zur Jubiläums- und gleichzeitigen Abschiedsfeier. Nachbarin Rita Mohr hatte das Fest vorbereitet. Zahlreiche Presseartikel und Fotos lagen aus, um an eine der ältesten Nachbarschaften zu erinnern. Im Verlauf der Feier wurde das alte Nachbarschaftsbuch, das bislang im Tresor der Volksbank Schermbeck aufbewahrt wurde, an Günter Gätzschmann vom Heimat- und Geschichtsverein Schermbeck übergeben. Im Museumsbestand soll das Nachbarschaftsbuch künftig aufbewahrt werden.

1819 wird in der Chronik erstmals eine Nachbarschaftsversammlung erwähnt. Die Nachbarn vom Mühlentor waren mit der Aufteilung von Grundstücken im Lichtenhagen nicht zufrieden und beschlossen, einen Advokaten einzuschalten, der ihre Rechte wahrnehmen sollte. „Dem zu folge wird ein jeder Bürger kraft dieses aufgefordert, zu den noch etwaige vorkommenden Gerichtskosten bey zu tragen und sich durch Unterzeichnung seines Namens darzu zu verpflichten“, heißt es auf der Seite 1 der wertvollen Chronik.

Aus dem Hinweis, dass der Prozess schon vor einigen Jahren angefangen hat, darf man auf einen früheren Beginn der Mühlentor-Nachbarschaft schließen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ihre Gründung in die Zeit der Stadtgründung Schermbecks Anfang des 15. Jahrhunderts zurückreicht. Denn die Namen früherer Nachbarschaften in Schermbeck belegen, dass ihre Bereiche sich weitgehend decken mit den vier Stadtbezirken Schermbecks, die man auf der ältesten Karte Schermbecks aus dem Jahre 1640 erkennen kann, die 1980 im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf entdeckt wurde.

Zu den wichtigsten Aufgabenstellungen der Nachbarschaft gehörte im 19. Jahrhundert neben der Verteidigung der gemeinsamen Grundstücksrechte insbesondere die Bekämpfung von Bränden. Als im März 1851 im Hause Felderhoff ein Brand ausbrach, stellten die Nachbarn laut Chronik ebenso Brandwachen wie beim großen Brande am 18. September 1888 in der Kanzlei und in der Kaffeestraße und beim Brand im Hause des Töpfers Hermann Thelo am 21. April 1981. Zur wirkungsvollen Brandbekämpfung gehörte auch die Pflege der Wasserpumpen. 1828 notierte der Gieseler für „die Reparation an die Mühlenthorsche Pompe“ 15 Silbergroschen.

Bei Geburten haben eifrige Nachbarinnen nicht nur der Wöchnerin geholfen. Auch die übrigen Kleinkinder der Familie wurden gepflegt und der glückliche Vater mit Essen versorgt.

In Todesfällen konnte gegenseitige Nachbarschaftshilfe am ehesten unter Beweis gestellt werden. Die Nachbarn, in der Regel die Frauen, kauften das Totenlaken und besorgten, wie eine Eintragung in der Chronik aus dem Jahre 1858 beweist, das Ausziehen der Toten vor dem Aufbahren. Aufgabe des Gieselers war es auch, Träger für die Beerdigung zu bestimmen. „Ich habe oft geholfen, die Glocken in der Georgskirche zu läuten“, erinnerte sich im Jahre 1986 der damals 83-jährige Heinrich Beck in einem Interview an seine Kindheit, als er unter Aufsicht des Küsters das Seil kräftig ziehen durfte. An eine Totenwache, wie sie im 19. Jahrhundert im Trauerhaus noch üblich war, konnte sich Heinrich Beck nicht mehr erinnern, wohl aber daran, dass beim Tod die Bahre aus der Kirche geholt wurde. Noch bis zur Fertigstellung der Leichenhalle wurden die Toten in den Wohnungen aufgebahrt.

Bei allen Verpflichtungen haben die Nachbarn nie vergessen, gesellige Anlässe „gebührend“ zu feiern, und das im wahrsten Sinne des Wortes. So musste Johann Steinkamp 1865 bei der Heirat seiner Tochter 10 Silbergroschen Gebühr bezahlen. Im Juli 1896 musste Hermann Geldermann bei der Heirat seines Sohnes Heinrich 1 Mark entrichten.

Ein „Rechenmeister“ hatte die Aufgabe, alle Einnahmen säuberlich im Protokollbuch zu vermerken. So musste ein Erbnachbar in den 1820er-Jahren für den Eintritt in die Nachbarschaft 50 Stüber bezahlen, während ein „Miethling“ nur 25 Stüber entrichten musste.

1986 hatte die Nachbarschaft noch 91 Familien. 46 Haushalte gehörten im Jahre 2007 noch zur Nachbarschaft. Die Liste, die Rita Mohr am Sonntag vorlegte, verzeichnete nur noch 22 Familien. Die jungen Generationen fehlten bei der Feier völlig, und das schon seit einigen Jahren. Nicht zuletzt deshalb entschied man sich nun zur Auflösung der Nachbarschaft. In loser Form wird der Geist der Nachbarschaft allerdings noch weitergeführt. Das regelmäßige Kaffeetrinken in lockerer Form bleibt erhalten.

Zum Abschied von der organisierten Nachbarschaft mit Jahreshauptversammlungen, Kassieren und Geschäftsberichten des Gieselers wurde noch einmal richtig gefeiert. Der 90-jährige Willi Legenbauer und die 87-jährige Edith Draeger ließen sich die Feier nicht entgehen. Beim Sektempfang und dem gemeinsamen Mittagessen blieb viel Zeit zum Plaudern über alte Zeiten. Zu einem Ausflug in längst vergangen Zeiten lud auch die Friedrichsfelder Gruppe „Los Rollis“ ein. Am Nachmittag stand ein gemeinsames Singen auf dem Programm, zu dem „Das Trio“ mit Dieter Heßling, Egbert Hausberg und Manfred Jansen einlud. H.Sch.

Info:

Das Gebiet der Mühlentor-Nachbarschaft umfasste den südwestlichen Teil des Schermbecker Ortskerns, die Mittelstraße bis zur Burgstraße und den Zugang zur evangelischen Kirche, die Schienebergstege bis zur katholischen Grundschule, die Adolf-von-Kleve-Straße bis zum Hohen Weg, die Maassenstraße bis zur Voßkuhle und die Weseler Straße bis zum evangelischen Friedhof. Einige Familien wohnten auch in Bricht.

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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