40 Jahre alter Elternkreis feierte gestern sein zweiteiliges Jubiläum

Schermbeck. Mit einem Gottesdienst in St. Ludgerus startete gestern Morgen der „Eltern- und Freundeskreis für Menschen mit und ohne Behinderung“ in Schermbeck e.V.“ die ganztägige Feier seines 40-jährigen Bestehens.

Während des Gottesdienstes, der von Eltern mitgestaltet wurde, ließ Pastor Klaus Honermann drei Schatzkisten öffnen. In der ersten befanden sich bunte Steine und Muscheln, wie Kinder sie mögen. In der zweiten Kiste befand sich ein Spiegel, in dem hineinblickende Personen sich selber als Schatz entdeckten.

„In den Augen Gottes ist jeder von uns ein Schatz“, stellte Honermann fest. In der dritten Schatzkiste verbargen sich kleine Halbedelsteine, die als Geschenk mitgenommen werden durften. Als einen besonderen Schatz würdigte Honermann den Eltern- und Freundeskreis, „der jene Menschen wertschätzt, die von anderen häufig nicht wertgeschätzt werden.“

Der gesellige Teil der Feier begann nach dem Gottesdienst mit einem gemütlichen Beisammensein rund um das Pfadfinderheim am Prozessionsweg 8. Die Finanzierung des Festes wurde durch die Unterstützung der Volksbank und der Niederrheinischen Sparkasse RheinLippe möglich. Die Lembecker Metzgerei Bellendorf übernahm das Grillen.

In ihrem Grußwort erinnerte die Vorsitzende Gabi Schwarz an die Gründungszeit des Vereins vor vier Jahrzehnten „Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, wie schwierig vor 40 Jahren die Situation für Familien war, in denen ein Kind mit Behinderung lebte“, erinnerte Gabi Schwarz an eine Zeit, in der es „keinerlei Unterstützung, keine Frühförderung und pädagogischen Hilfen gab“.

Blicke der Mitmenschen

An eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sei nicht zu denken gewesen. „Ganz im Gegenteil“, so Schwarz, „einige unserer älteren Mitglieder erzählten, wie sehr sie unter den Blicken der Mitmenschen litten, wenn sie sich mit ihrem behinderten Kind an die Öffentlichkeit wagten.“

In ihrem Streifzug durch die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des ehemaligen „Elternkreises für behinderte und nicht-behinderte Kinder“ erinnerte Gabi Schwarz an das Engagement von fünf Studenten der Hochschule für Heilpädagogik in Dortmund, die Mitte der 1970er-Jahre Schermbeck als eine typische Ruhrgebiets-Randgemeinde ausgesucht hatten, um Formen der Integration zu entwickeln.

Heiner Bartelt, Gaby Baier und Gudula Willing, die damals zur Studentengruppe gehörten, kamen diesmal als Gäste zur Jubiläumsfeier. Sie brachten ein dickes Album voller Fotos mit, die an ihre Arbeit in Schermbeck erinnerten.

Als im Rahmen einer Bethelwoche der Evangelischen Kirche Anfang 1979 die Frage gestellt wurde, was Schermbeck eigentlich für behinderte Menschen tue, wurde der Anstoß gegeben, am 8. März 1979 den Elternkreis zu gründen, dem nach fünf Jahren bereits 30 behinderte und nicht behinderte Kinder angehörten. Von den Mitgliedern, die vor 40 Jahren im Jugendheim an der Kempkesstege an der Vereinsgründung teilnahmen, beteiligten sich gestern Helga Coldewey, Hans Zelle und der ehemalige Pfarrer Wolfgang Bornebusch an der Jubiläumsfeier.

Für ein Überraschungsgeschenk sorgten gestern Mitarbeiter und Bewohner des Behindertenwohnheims „Haus Kilian“, dessen Bau durch das besondere Engagement des Elternkreises ermöglicht wurde. Als der Elternkreis 1989 im Saal Overkämping sein zehnjähriges Bestehen feierte, nannte die Gründungsvorsitzende Lore Zelle die Errichtung eines Wohnheimes für Behinderte als vorrangiges Ziel. „Es naht irgendwann die Zeit“, so Lore Zelle damals, „in der die jetzt noch relativ jungen Behinderten nicht mehr von ihren Familienangehörigen versorgt werden können.“

Haus Kilian

Als das ehemalige Krankenhaus der Gemeinde Schermbeck in ein Altenheim umgewandelt wurde, bot die Katholische Ludgerusgemeinde eine Umwandlung des Schwesternwohnheims in ein Behindertenwohnheim an. 1992 wurden die Planungen konkretisiert. Drei Jahre später wurde das „Haus Kilian“ eröffnet, das im kommenden Jahr sein 25-jährigens Bestehen feiern kann.

Als Dankeschön für die gute Zusammenarbeit überreichte die Crew des „Haus Kilian“ gestern ein Gemälde, das die Einrichtungsleiterin Birgit Förster in Zusammenarbeit mit Ute Geske, Manfred Meyer, Klaus Gerlach, Michael Loewenau und Melanie Daniels erstellt hatte und das an viele gemeinsame Aktivitäten erinnerte. In einem selbst getexteten Lied dankte gestern die Abordnung des „Haus Kilian“ für „viele Abenteuer, für jeden schönen Tag“, für den „Kegelspaß am Donnerstag“ und für die Realisierung des „Haus Kilian“.

Heiner Bartelt, Gaby Baier und Gudula Willing (v.l.) erinnerten gestern während der Jubiläumsfeier an die Arbeit, die sie als Studenten seit Mitte der 1970er-Jahre in Schermbeck mit und für behinderte Menschen leisteten, bevor auf dem Boden dieser Aktivitäten im März 1979 der „Elternkreis für behinderte und nicht behinderte Kinder“ gegründet wurde. Foto: Helmut Scheffler

Auf einigen Tischen lagen Fotoalben mit Bildern seit 1979. An der Wand vermittelte eine illustrierte Zeittafel markante Entwicklungsphasen des Elternkreises, der bislang von Lore Zelle, Erika Mahl, Anke Hoyer und Gabi Schwarz geleitet wurde.

Motorradclub „Rad ab“

Auf einigen Bildern fiel eine Motorradgruppe auf, deren Mitglied Hans Overkämping an der Jubiläumsfeier teilnahmen. Seit 1984 hat Overkämping mehrmals in Zusammenarbeit mit dem Motorradclub „Rad ab“ Touren mit Motorrädern angeboten, in deren Beiwagen die Kinder des Elternkreises das weite Umfeld Schermbecks kennen lernten.

Ein Blick in die Fotoalben und auf die ausgehängten Presseartikel machte deutlich, wie intensiv sich der Verein bemühte, die Kinder am öffentlichen Leben teilnehmen zulassen. Mehrmals jährlich standen Ausflüge auf dem Programm.

Vielseitige Angebote

Welch vielseitige Angebote genutzt werden konnten, zeigte eine Sammlung der Ankündigungsplakate seit dem Jahre 2015. Eine Fahrt mit der Ruhrtalbahn und der Besuch eines Energiemuseums standen ebenso auf dem Programm wie Besuche im Bocholter Textilmuseum, in der Bundeskunsthalle, im Düsseldorfer Aqua-Zoo, im Ketteler Hof, im Museum DASA und im Rheinberger Naturzoo.

Termine

Am 14. September startet der Eltern- und Freundeskreis in Wesel mit der „River Lady“ zu einer Rheinfahrt.

Am 18. Oktober treffen sich die Mitglieder um 18 Uhr bei Overkämping zum Geburtstagsessen. Für November ist ein Theater- oder Kinobesuch geplant. Zur Weihnachtsfeier treffen sich die Mitglieder am 15. Dezember um 15 Uhr im Jugendheim an der Kempkesstege.

Für die musikalische Untermalung der Jubiläumsfeier sorgte gestern die Akkordeonspielerin Marie-Luise Bechmann.

Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung

Mit dem Start ins neue Jahrzehnt hat der Verein seinen Namen geändert. „Hauptanliegen des Vereins ist das gelungene Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung“, begründet Gabi Schwarz die Änderung.„Bei uns sind alle herzlich willkommen“, betont die Vorsitzende. Deshalb heiße der Verein jetzt „Eltern- und Freundeskreis für Menschen mit und ohne Behinderung in Schermbeck e.V.“ Dazu musste die Satzung geändert und genehmigt werden. Helmut Scheffler

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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