Schermbecker haben in Notlagen schon immer geholfen

Die Festrede bei der gestrigen Erntedankfeier vor der Schermbecker Volksbank hielt der ehemalige Heimat- und Geschichtsvereinsvorsitzende Hans Zelle.

Der weitaus größte Teil seiner Rede befasste sich mit dem Thema „Flüchtlinge“

„Ich denke an Flüchtlinge und Asylanten. Wie froh kann Europa heute und können auch wir sein, dass Essensvorräte für all die Flüchtlinge und Asylsuchenden vorhanden sind und wir über eine Logistik verfügen, die kurzfristig für diese unerwarteten Ankömmlinge Unterkünfte und Betreuung bereit zu stellen in der Lage ist.

Der internationale Warenaustausch und die weitreichenden Verflechtungen sind uns dabei äußerst hilfreich. Und dank schulischer Bildung können Verständigungsprobleme im Vergleich zu Zeiten unserer Vorfahren leichter überwunden werden.
Darum halte ich es für notwendig, bei dem heutigen Erntekranzrichten daran zu erinnern, dass auch unsere Vorgenerationen große Flüchtlingsströme zu versorgen und unterzubringen hatten. Sie standen vor ganz anderen Schwierigkeiten allein schon wegen der beschränkten Ernährungs- und Arbeitsmöglichkeiten. Für sie war das Helfen in Notlagen trotzdem ein selbstverständliches Anliegen und eine menschliche Verpflichtung.

Deshalb möchte ich beispielhaft nur einige Ereignisse aus den letzten 400 Jahren in Erinnerung bringen, bei denen insbesondere das frühere Herzogtum Kleve und das Königreich Preußen mit ihren Menschen gefordert worden sind. Da waren zu bewältigen:
1) die Aufnahme von mehr als 200 000 Glaubensflüchtlingen, das waren Hugenotten aus Frankreich, von denen mehr als Hälfte in diese Länder kam.
2) die Wallonen und Niederländer, die insbesondere nach Wesel während der spanisch-niederländischen Auseinendersetzungen flüchteten. Diese Situation erstreckte sich über einen Zeitraum von 80 Jahren bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges. Dabei wurden die kriegerischen Handlungen fast ausschließlich außerhalb der Niederlande auf unserem niederrheinischen und münsterischen Territorium ausgetragen.
3) die rund 20 000 Glaubensemigranten aus dem Salzburger Land, denen das Königreich Preußen Asyl gewährte mit dem Ziel, sie insbesondere in Ostpreußen anzusiedeln. Preußen erstreckte sich damals von Tilsit bis nach Kleve und dazwischen lagen selbstständige Länder, die Schwierigkeiten bei der Durchreise bereiteten, obwohl sie zum ´Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation` gehörten. Solche Schwierigkeiten haben wir heute in Europa auch. Die meisten dieser Emigranten kamen auf unterschiedlichen Strecken auf dem Landwege an ihr Ziel. Andere kamen auf dem Wasserwege über Donau, Neckar und Rhein zu uns und landeten in Wesel. Sie mussten von hier aus den weiten Weg nach Ostpreußen antreten und kamen auch nach Schermbeck. Ein Ereignis ist in Schermbeck dokumentiert. Im August 1732 übernachteten 53 Männer, Frauen und Kinder bei Schermbecker Familien, wurden verpflegt und dann weiter über Haltern nach Lünen geleitet, wobei sie vom Schermbecker Richter Schürmann begleitet worden sind.

Hans Zelle hielt die Festrede beim Schermbecker Erntedankfest.
Hans Zelle hielt am 2. Oktober 2015 die Festrede beim Schermbecker Erntedankfest. Foto: Helmut Scheffler

4) Während dieser Zeit kam ein anderes Problem auf den Niederrhein zu. Da gab es viele Ausreisewillige, insbesondere aus der Pfalz und dem Elsass, die nach Amerika wollten. Sie hatten ihre Heimat sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus konfessionellen Gründen verlassen. Und dann machte Holland die Grenze dicht; das hören wir auch jetzt. Holland sah sich nicht mehr in der Lage, für diese Ankömmlinge zu sorgen, denn die Schiffe für die Überfahrt nach Amerika stellte England. England befand sich aber im spanisch-österreichischen Krieg und stellte keine Schiffe mehr zur Verfügung. Diese Ankömmlinge mussten deshalb durch die preußische Regierung in Kleve versorgt und untergebracht werden. Sie veranlasste, dass sie Grundstücke in der großen Gocher Heide bekamen. Unter schwierigen Bedingungen schufen sie sich zunächst ihre Plaggenhütten und es entstanden die jetzt noch vorhandenen Dörfer Pfalzdorf und Louisendorf.

Genug der Beispiele. An die Völkerwanderungen im 4. und 5. Jahrhundert aus Ost-, Mittel- und Nordeuropa nach West- und Südeuropa bis nach Nordafrika, die durch den Einbruch der Hunnen mit ihren Reiterheeren ausgelöst worden sind, vermag ich gar nicht zu erinnern. Da gab es ganz andere Situationen, weil die ansässige Bevölkerung übersiedelt oder vielfach mit kriegerischer Gewalt vertrieben worden ist. Sie hausten wie die Wandalen, das waren Angehörige eines ostgotischen Volksstammes, bei dem Eindringen in Rom. Auch wir wissen nicht, was mit der hiesigen Bevölkerung geschah, als die heidnischen Sachsen im 7. Jahrhundert unsere christliche Heimat, das Hamaland, übernommen haben.
Sie erkennen daraus, dass es seit eh und je Flüchtlings- und Integrationsprobleme gegeben hat und diese in den letzten Jahrhunderten unter weit schwierigeren Voraussetzungen gelöst worden sind. Wir sollten zuversichtlich sein, auch die jetzt eingetretene Situation bewältigen zu können und insgesamt dankbar sein, dass es uns dabei noch recht gut geht.“

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Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.