Nicht jeder Witz mündet in ein schallendes Gelächter

Zwei Pfarrer informierten über die jüdischen Witze und ihre Geschichte

Schermbeck. Innerhalb des Jubiläumsjahres „321-2021, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ luden die beiden ehemaligen Pfarrer Wolfgang Bornebusch und Franz-Gerd Stenneken zu einem Vortrag ein, der sich am Dienstagabend in der Schermbecker Ludgeruskirche mit dem jüdischen Witz und seiner Geschichte befasste.

Diejenigen unter den etwa 80 Besuchern, die vielleicht gekommen waren, um herzlich über Witze zu lachen, die zu Lasten einer Bevölkerungsgruppe gehen, warteten vergeblich auf einen kernigen Blondinenwitz oder auf die Aussagen, dass bei einem Mann ein Gehirnschlag ein Schlag ins Leere ist, dass Beamte deshalb nicht tanzen können, weil es keine Band gibt, die so langsam spielen kann, und dass die Ostfriesen nur deshalb keine eingemachten Gurken essen, weil sie mit dem Kopf nicht ins Gurkenglas kommen.

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Die beiden ehemaligen Schermbecker Pfarrer Wolfgang Bornebusch und Franz-Gerd Stenneken (v.l.) gestalteten in der Ludgeruskirche einen Abend zum Thema „Der jüdische Witz und seine Geschichte“. Foto:Scheffler

„Der jüdische Witz ist die letzte Waffe des Geschlagenen, dem der heroische Kampf, der direkte Weg versagt ist“, charakterisierte Wolfgang Bornebusch den jüdischen Witz in Anlehnung an die Schweizer Schriftstellerin Salcia Landmann. Streifzuges durch die Geschichte Bornebusch übernahm am Dienstag den Part des Streifzuges durch die Geschichte des jüdischen Witzes und Stenneken steuerte zu jeder historischen Besonderheit ein oder zwei passende jüdische Witze bei. Da es bei diesen Witzen nicht darum ging, sich über die Fehler von andern Menschengruppen lustig zu machen, wie es auch bei den klassischen Judenwitzen geschieht, sondern eher um eine bittere Selbstironie oder – wie Bornebusch es formulierte – „um die Waffe des Juden im Kampf gegen die Unterdrückung durch die feindliche Umwelt, im Kampf gegen den Druck durch die übermächtige eigene Tradition, im Kampf für Lockerung und Freiheit von schwer Tragbaren.“ Da kommt nur schwer bei den Zuhörern ein von Schadenfreude genährtes schallendes Gelächter zu Stande, sondern allenfalls ein mitleidvolles Schmunzeln. Die Behauptung „wir haben uns vor Lachen gekrümmt“ wird wohl keiner als Fazit der eineinhalbstündigen Veranstaltung formuliert haben.

Streifzug durch die Geschichte

Stattdessen wurde von Bornebusch ein lehrreicher Streifzug durch die Geschichte der jüdischen Witze geboten. „Die Zeit, in der die hebräische Bibel entstand, war im Wesentlichen eine Zeit ohne Witze“, erinnerte Bornebusch an witzlose Perioden und an die Formulierung aus dem Psalm 1: „Du sollst nicht sitzen, wo die Spötter sitzen!“ Weder die Psalmisten noch die Propheten hätten den Witz als einen unterhaltsamen Spaß verstanden, sondern als seelische Waffe des Menschen gegen unerträgliche Verhältnisse. Über viele Jahrhunderte, so Bornebusch, habe es allenfalls kleine Anekdoten oder irgendwelche Schnurren, sophistische Scherzprobleme oder Juxdialoge folgender Art gegeben, die Stenneken vortrug: „Näh mir meinen zerbrochenen Krug zusammen!“ „Gern. Spinn mir hierfür ein wenig Garn aus den Scherben!“

Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert

Der eigentliche jüdische Witz im engeren Sinne entstand erst in der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert. „Was bis dahin unhinterfragbar war“, so Bornebusch, „wird plötzlich hinterfragbar. Was bis dahin als unantastbar galt für den Witz, wird nun zu seinem Terrain.“ Der Talmud als eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums und die Tora als erster Teil der hebräischen Bibel wurden zum Gegenstand von Witzen, die aber so gut wie nie auf Kosten anderer gingen, sondern die eigenen Schwächen aufs Korn nahmen.

Sprachliche Besonderheiten

Im Text von Tora und Talmud gibt es weder Vokale noch Satzzeichen. „Grundgerüst eines jeden Wortes sind die Konsonanten“, beschrieb Bornebusch die sprachlichen Besonderheiten. Dass sich oft die Bedeutung mit der Betonung ändert, bewies Stenneken mit dem Vortrag des jüdischen Witzes: „Was ist Konsequenz? Heute so! Morgen so! Was ist Inkonsequenz? Heute so, morgen so?“ Oder aus dem militärischen Bereich: Die Frage des Feldwebels: „Einjähriger Katz, warum soll der Soldat gerne für seinen Kaiser sterben?“ Katz: „Recht haben Sie! Warum soll er?“

Mit der Betonung spielte auch der folgende Witz aus der Jugendzeit: Als Juden noch die Reichsbahn benutzen durften, saß der alte Meisl einmal sinnierend im Abteil. Sein Blick fiel auf ein Propagandaplakat: „Ein Deutscher lügt nicht!“. Meisl liest halblaut: „Ein Deutscher lügt nicht.“ Er kommt zu dem Schluss, dass der prozentuale Anteil bei 80 Millionen Menchen miese sei.

Fastentag „Tischa-beaw“

Der Shabbat (Ruhetag), der Fastentag „Tischa-beaw“ und der strenge Fastentag „Jom Kippur“ waren immer wieder Gegenstand von Witzen. Am Shabbat, an dem das Rauchen verboten ist, aber nicht gefasst wird, isst man in der Stube und raucht auf dem Klo. Am Tischa-beaw, an welchem zwar gefastet wird, aber das Rauchen erlaubt ist, raucht man in der Stube und isst auf dem Klo. Am Jom Kippur, dem strengsten Fastentag, ist auch das Rauchen verboten. Deshalb isst und raucht man auf dem Klo.

Rituelle Besonderheiten

Die Unterscheidung von reinen und unreinen Speisen gab ebenso Anlass zu Witzen wie weitere kulturellen und rituelle Besonderheiten und die im 19. Jahrhundert auftretende Verpflichtung der Juden, einen bürgerlichen Namen anzunehmen. 1933, zu Beginn der Nazizeit, meldete sich ein Jude in einem deutschen Amtsgebäude mit der Bitte, seinen Namen „Adolf Stinkfuß“ abändern zu dürfen. Der Beamte zeigte Verständnis und fragte nach der erwünschten Änderung, worauf er die Antwort erhielt: „Moritz Stinkfuß!“

„Natürlich“, so Bornebusch, „spielte in der Geschichte des jüdischen Witzes auch die Auseinandersetzung mit andren Religionen und Konfessionen bzw. der Umgang mit deren Vertretern eine große Rolle. Stenneken erzählte von einem Juden, dem es mit viel List und Tricks gelang, an Petrus vorbei in den Himmel zu kommen. Er rannte aber schnell wieder hinaus, als er draußen eine Versteigerungstrommel hörte. Durch die Anwesenheit des Juden war der Himmel entweiht und musste neu geweiht werden. Man suchte deshalb im ganzen Himmel nach einem Pfarrer, konnte allerdings keinen einzigen finden.

Herzhaftes Lachen

Der Vortrag endete mit ein paar Witzen, für deren Ursachen keine Begründung angegeben wurde und die zum Schluss doch hier und da noch ein herzhaftes Lachen erzeugten. Hier ein Beispiel: Blau und Weiß haben sich zerstritten. Herr Blau geht auf der Straße und sieht Herren Weiß am Fenster sehen: „ Her Weiß, wenn ich so scheen wäre wie Sie, steckte ich lieber mein Toches (den Allerwertesten) zum Fenster hinaus.“ Weiß: „Hab` ich getan – haben alle Lait gesagt: „Habe die Ehre, Her Blau!“

Innerhalb der Reihe „321-2021, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ werden noch weitere drei Veranstaltungen angeboten: Am 22. Februar berichtet Pastor Xavier Muppala in der Ludgeruskirche über das jüdische Leben aus der indischen Perspektive. Am 20. März beginnt um 17 Uhr in der Georgskirche das Benefizkonzert „Halleluja“. Am 27. März findet ein Rundgang zum Thema „Jüdisches Leben in Schermbeck“ ab 15 Uhr statt. Vom Kirchgarten der Georgskirche aus begleitet Pauline Fischer die Teilnehmer zum jüdischen Friedhof, zum Standort der Synagoge und zu ehemaligen Häusern von Juden. H.Scheffler

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Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.