Leserbrief: Digitalisierung als Chance wahrnehmen – Timo Gätzschmann

DSGVO Timo Gätzschmann
Timo Gätzschmann

„Digitalisierung, wenn ich das Wort schon höre … da bin ich zu alt für … das brauche ich nicht mehr.“ Diese oder ähnliche Sätze hört man jeden Tag aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten.

Die Politik und die Medien zeigen immer wieder eindrucksvoll, dass auch sie das Wort „Digitalisierung“ für irgendwie alles verwenden was mit Technik zu tun hat. Man könnte das Wort „Digitalisierung“ einfach mal definieren, aber diese Definition gibt es natürlich bereits.

Letztendlich versteht am Ende jeder etwas anderes unter diesem sehr allgemeinen Wort. Das Wort an sich spiegelt auch nicht das Problem unserer Gesellschaft dar, vielmehr ist es der Umgang mit der „Digitalisierung“ selbst.

„Wir Deutschen sind Fans der guten deutschen Wertarbeit, wir sind eine Nation von Maschinenbauern und der Autoindustrie.“ Kennen Sie dieses Argument?

Das Siegel „Made in Germany“ ist weltweit bekannt, gerne rühmen wir uns mit dem, was wir in den letzten Jahrzehnten geleistet haben. Doch wir leben nicht mehr in den letzten Jahrzehnten, wir leben im 21. Jahrhundert, in einem Digitalzeitalter. Dennoch kommt keine einzige nennenswerte Software, Website oder digitale Entwicklung aus Deutschland, SAP sehe ich hier mal einfach als Ausnahme.

Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz, der exponentiellen Entwicklung der Rechenleistung und des demografischen Wandels (warum das Relevanz hat, folgt später), setzen wir weiterhin auf Handwerk und Maschinenbau. Die Folgen kann man schon heute deutlich sehen, wir sind europaweit eines der Schlusslichter hinsichtlich des Netzausbaues und des Breitband-Internets.

Sogar einige Länder in Südafrika, die der ein oder andere als „Dritte-Welt-Länder“ bezeichnen würden, sind besser aufgestellt als wir. Was ist unsere Antwort darauf? Ein flächendeckendes W-LAN in der Schermbeck Mittelstraße, etwas was bereits vor vielen Jahren in Ungarn, in vielen noch so schäbigen Regionalzügen vorhanden war.

Jetzt ist an der Idee ein W-LAN für die Mittelstraße einzuführen grundsätzlich erstmal nichts falsch … allerdings kommt diese Idee 5-10 Jahre zu spät. Aber genau dieser Umstand ist repräsentativ für die Fehler in unseren Köpfen. Wir agieren nicht, wir reagieren … und das leider viel zu spät.

Jetzt könnte man es sich wieder einfach machen und die Schuld auf die Politik schieben, die die Digitalisierung verpennt hat. Aber es sind nicht die Politiker, die unsere Unternehmen führen, es sind die Unternehmen und deren Mitarbeiter selbst, sie sind für dieses Versäumnis verantwortlich.

An diesem Punkt kommt der demographische Wandel ins Spiel. Dieser ist mitunter dafür verantwortlich, dass auch viele Mitarbeiter eines Unternehmens eine Teilschuld an der Lage tragen. Wenn der Mitarbeiter bei der Digitalisierung des Unternehmens nicht mitspielt, dann fühlt sich der Unternehmer oftmals hilflos. Argumente wie „wir machen das seit 20 Jahren so, wieso sollten wir das ändern“, sind völlig normal und alltäglich.

Sich von den Mitarbeitern trennen kann der Unternehmer jedoch nicht, da es auf dem Arbeitnehmermarkt keinen akkuraten Ersatz gibt. Er muss sich also den Digitalisierungs-Verweigerern beugen oder sich massiv verkleinern. Beides hat bei vielen Unternehmern massive Existenzängste zur Folge.

Aber auch die Unternehmer selbst sehen die „Digitalisierung“ nicht immer als Chance, sondern auch oftmals als Gefahr und versuchen Ihre „neuen“ Möglichkeiten nicht einmal zu nutzen. Andere wollen sich schon auf Grund ihres Alters nicht mehr mit der Umstellung ihres Unternehmens befassen, beschweren sich jedoch dann, dass sie keinen Nachfolger für ihr verstaubtes Unternehmen finden.

Aber wer will auch ein solches Unternehme mit solchen Arbeitnehmern kaufen oder weiterführen? Dieses Problem kommt vor allen in den, in Deutschland so starken KMUs vor. Zu der verfahrenen Situation in Deutschland tragen daher alle Ihren Teil bei. Dabei könnte man doch eigentlich die „Digitalisierung“ als Möglichkeit zur Bekämpfung des demographischen Wandels nutzen … allerdings bedeutet das eine Veränderung, die scheinbar niemand will.

Als ich als vier oder fünf jähriges Kind das erste Mal an dem 386er von meinem Vater saß (vor etwa 25 Jahren) waren die Computer mit einem Prozessortakt von 17 MHZ etwa so leistungsfähig wie ein heutiger Taschenrechner. Seitdem hat sich einiges getan, die Prozessorleistung hat sich im Schnitt alle 1,5 Jahre verdoppelt und wir stehen kurz vor der nächsten bahnbrechenden Neuerung, dem „Quantencomputer“.

Ist dieser marktreif, wird sich die technologische Entwicklung noch einmal deutlich beschleunigen. KI-Systeme verdoppeln Ihre Leistung heute bereits alle 3,5 Monate (Stand 2018), es wird also nicht mehr lange dauern, bis die erste echte vollständige KI entwickelt wird. Was das bedeutet, weiß heute noch niemand genau.

Wie die Zahlen verdeutlichen entwickelt sich unsere Technologie rasend schnell, schneller als man realisieren kann. Aber genau diese Entwicklung wird gefährlich für uns, wenn wir uns nicht langsam alle mit diesem Thema auseinandersetzen. Die Chance die eigenen Defizite aufzuholen wird immer geringer, wenn man nicht endlich damit anfängt. Auch Menschen, die am Ende ihrer beruflichen Laufbahn stehen kommen an dertechnischen Entwicklung nicht vorbei.

Bankenfilialen schließen, Gesundheitskarten sind digital und Krankenscheine werden in Zukunft Online eingereicht. Alle diese Veränderungen zwingen jeden Menschen sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen und seine Angelegenheiten immer häufiger Online zu regeln.

Erst wenn ein Jeder aufhört, sich der „Digitalisierung“ zu verschließen wird auch die Politik handeln und die marode Infrastruktur verbessern müssen. Nur dann müssen sich Berufsanfänger nicht mehr zu Beginn ihres Berufslebens zurückentwickeln, um sich die oftmals ineffiziente 20 Jahre alte Arbeitsweise anzueignen. Die Zukunft gehört den Computern und nicht mechanischen Maschinen.

Jeder sollte die „Digitalisierung“ als seine persönliche Chance sehen. Fangen Sie noch heute an, sich mit dem Thema wirklich ernsthaft auseinanderzusetzen. Sie werden überrascht sein, welche Welten Ihnen plötzlich offenstehen. Vielleicht haben wir dann noch die Chance das Siegel „Made in Germany“ in die digitale Welt zu transferieren und Deutschland zukunftsfähig zu machen. 

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