Den Festvortrag zum fünfjährigen Bestehen des Netzwerkes der Georgsgemeinde hielt Gabriele Winter, die Geschäftsführerin des Evangelischen Zentrums für Quartiersentwicklung und Referentin für Altenarbeit Diakonie Rheinland- Westfalen – Lippe e.V.

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Pfarrer Hofmann,
liebe Netzwerkerinnen und Netzwerker,

es kommt nicht häufig vor, dass ich zu einer Jubiläumsveranstaltung eingeladen werde, an dessen Gründung ich ein wenig beteiligt war. 2010 im Frühjahr saß ich mit Ihnen Herr Pf. Hofmann, Herrn Heetderks und einem weiteren Vertreter Ihrer Kirchengemeinde bei Ihnen im Arbeitszimmer und habe die Idee der Öffnung Ihrer Gemeinde für eine Vielzahl von aktiven Senioren diskutiert.

Schnell kamen wir auf den Projektansatz der Netzwerkarbeit, der an vielen Orten in NRW schon seit über 15 Jahren praktiziert wurde. Wir haben Ihnen das Modell der 4 Phasen der Netzwerkarbeit erklärt und Sie waren sofort begeistert und meinten:“… das ist was für uns!“ Diese Netzwerke entwickeln und verstärken Beziehungen zwischen Menschen in überschaubaren Gruppen. Sie bilden sich verstärkt infolge von Überlegungen zur Neuorientierung der Seniorenarbeit innerhalb der Kirchengemeinden, der Diakonie und auch anderer Verbände. Schnell war klar, dass die heutige Generation der Rentner durch die klassische Altenarbeit nicht mehr erreicht wird. Die jetzige Generation der Älteren möchte Ihre Potentiale nutzen und ist auf der Suche nach dementsprechenden Angeboten. Sie möchten nicht nur teilnehmen sondern auch teilhaben, sie möchten ihre Stimme erheben und sich einmischen! Alle Teilnehmer engagieren sich auf „ Augenhöhe“. Das bedeutet: Eigene Interessen und Fähigkeiten können eingebracht werden, die Gestaltungsmöglichkeiten sind durch die Mitwirkenden selbst bestimmt.

Gabriele Winter
Insgesamt liegt dem Netzwerk der Gedanke zugrunde, sozial für das Alter vorzusorgen. Denn ob jemand im Alter zufrieden lebt, hängt maßgeblich davon ab, wie sehr er an der Gesellschaft teilhaben kann. Die Erfahrung zeigt darüber hinaus: Die sicherlich wichtige finanzielle und gesundheitliche Vorsorge nutzt wenig, wenn die Entfaltungsmöglichkeiten fehlen, weil ältere Menschen immer weniger am sozialen Leben beteiligt sind. Gerade eine Kirchengemeinde ist ein Ort, der sich bestens dazu eignet, niedrigschwellige Begegnung von Menschen zu ermöglichen. Die Praxis zeigt, dass Netzwerkerinnen und Netzwerker die Offenheit von Kirchengemeinden schätzen und sich ihnen dadurch auch dauerhaft annähern. Netzwerke für die Generation 55 plus bieten gute Chancen, Angebote zu entwickeln, die auch von 80-Jährigen und Älteren noch genutzt werden können.

Auch Sie haben nach den klassischen 4 Phasen der Netzwerkarbeit Ihre Arbeit strukturiert:

Ich für mich
„Ich möchte etwas für mich tun“

Ich mit anderen für mich
„Ich möchte mit anderen meine Freizeit verbringen“

Ich mit anderen für andere
„Ich engagiere mich in einer Netzwerk- Gruppe für andere“

Andere mit anderen für mich
„Als ich Hilfe brauchte, habe ich Unterstützung erfahren“

Beindruckende 33 Gruppen wurden gebildet und sind lebendiger Beweis für die Umsatzfähigkeit dieser Arbeit. Besonders stolz sind Sie darauf, das Sie rein ehrenamtlich arbeiten, wobei Ihnen sicherlich jederzeit die Unterstützung des hauptamtlichen Teams der Kirchengemeinde Schermbeck sicher war und ist.
Sie haben selbst auch eifrig für Ihre Finanzen gesorgt und konnten viele von der Sinnhaftigkeit dieses Engagements überzeugen und Sponsoren finden. Auch wir haben Sie mit Kollektenmitteln „ Hilfe für alte Menschen „ unterstützt. Einige von Ihrer Unterstützer feiern ja heute auch den Erfolg dieser Arbeit mit Ihnen.

Ich möchte aber in meinem Grußwort im Besonderen auf die Phase 4 der Netzwerkarbeit eingehen, da hier eine der größten Herausforderung für die Zivilgesellschaft, also uns allen, liegt.

In der vierten Phase erleben hochaltrige und kranke Besucherinnen und Besucher des Netzwerks, dass „Andere mit Anderen für mich“ da sind, sei es im offenen Cafe Schorsch, bei Krankenbesuchen oder im Rahmen von Hilfeleistungen im häuslichen Bereich.

Die Netzwerkarbeit ist eine wichtige Dienstleistung, um es Menschen zu ermöglichen, so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung leben und wohnen zu können. Das Netzwerk schafft Kontakte, bietet Begegnungen und vermittelt Hilfeleistungen im Sinne einer Quartiersarbeit an. Besonders im Blick müssen wir auch diejenigen Menschen nehmen, die nicht mehr aus mobilitätseinschränkenden Gründen zu Ihnen kommen können. Es bedarf sicherlich einerseits der Organisation von Fahr- und Begleitungsdiensten genauso wie Angebote, die in der Häuslichkeit der Betroffenen stattfinden können. So gibt es zum Beispiel das kleine Format der „Kultur im Koffer“, das genauso wirkt wie „Essen auf Rädern“. Ehrenamtliche packen unterschiedliche Themenkoffer z. B. Kaffeetafel der 50er-Jahre und gehen damit zu den Senioren, besuchen Sie und kommen über die Mitbringsel wie: Sammeltassen, Likörchen und Katzenzungen ins Gespräch über Erlebnisse der Alltagskultur. Aber es gibt auch das „Beuysmuseum im Koffer“ oder die „Autosammlung in Mini“ die die Kreativität und den Kontakt beleben. Im Internetbereich haben wir vor vielen Jahren den Besuchsdienst „Mousemobil“ etabliert. Hier sind Menschen mit dem Laptop zu den Netzwerkern gegangen und haben virtuelle Spaziergänge durch Museen organisiert. Auch ein Beitrag zur kulturellen und sozialen Teilhabe im Alter. Solche zugehende Angebote sind sehr wichtig.

Denn eins ist klar: Die Netzwerkarbeit ist mehr als eine kleine Minivolkshochschule. Sie folgt nicht nur einem Bildungsauftrag, sondern sie ist ein wesentlicher Bestandteil der sozialen Vorsorge im Alter.
Die persönlichen Kränkungen, die Immobilität und Krankheit mit sich bringen, dürfen vor einem Netzwerk nicht Halt machen!!

Mit dem kleinen Format „Herzenssprechstunde“ wurde in Arztpraxen ein kleiner Gesprächsaustausch über alle Sorgen und Nöte, aber auch Lustiges und Tröstliches initiiert. Die Ärzte stellen Mittwochsnachmittags Ihre Wartezimmer zur Verfügung und verschreiben hilfsbedürftigen und einsamen Menschen diese „Herzenssprechstunde“ – auch ein kleines Mininetzwerk der Menschlichkeit.

Netzwerk

Auch wenn Sie in den ersten Phasen diese Notwendigkeiten noch nicht im Blick haben sollten und Sie sich eher auf ein Aktivprogramm konzentrieren, sollten Sie diesen Netzwerkknoten im Blick behalten.
Für den längst möglichen Verbleib in der eigenen Häuslichkeit brauchen wir Sicherheit und die Gewissheit, dass da ein Netz ist, das trägt! Auch eine Verknüpfung mit den professionellen Anbietern von Hilfeleistungen und Beratung ist hier sicherlich ratsam.
Nun ist aber erst einmal Feiern angesagt.
Ich wünsche Ihnen weitere 5 kreative Jahre und wenn Sie Unterstützung brauchen, sind wir die Diakonie RWL für Sie da.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.