Samstag, 1. Juli 2017: Dammer Turmverein lädt zur Vorstellung einer Geschichtstafel ein

Vor 111 Jahren, am 1. Juli 1906, wurde an der Eisenbahnstrecke Haltern-Wesel-Venlo, einem Teilstück der Fernlinie Hamburg-Paris, eine Bahnhaltestelle namens „Damm/Lippe“ eröffnet. An die Eröffnung dieses Bauwerkes, das die Dammer Bevölkerung seit jeher als „Bahnhof“ bezeichnete, soll am kommenden Samstag (1.) ab 11 Uhr erinnert werden. Dann treffen sich die Besucher an jener Stelle, wo der heutige Rad- und Wanderweg Schermbeck-Drevenack-Wesel die Alte Landstraße kreuzt und wo ein halbes Jahrhundert lang der Dammer Bahnhof stand.

Nicht einmal 50 Jahre alt wurde der ehemalige Dammer Bahnhof. Kurz vor Weihnachten des Jahres 1954 wurde er abgerissen. Repro: Helmut Scheffler

Über die alte Bahnanlage ist im wahrsten Sinne des Wortes längst Gras gewachsen. Durch einen Zufall fand der Dammer Malermeister Heinz Neu, der in der Nähe des ehemaligen Bahnhofs wohnt, einen alten Steinbrocken, der sich im Rahmen intensiver Nachforschungen als der alte Hektometerstein mit der Aufschrift 28,9 entpuppte. Dieser Stein stand etwa 50 Meter östlich des Dammer Bahnhofs.

Heinz Neu und Walter Prumbohm, die die Erinnerungsstätte geplant und baulich umgesetzt haben, laden gemeinsam mit dem Turmverein Damm zur feierlichen Eröffnung ein. Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind willkommen. Für das leibliche Wohl wird gesorgt.

Heinrich Schledorn, der sich auf dem Bahnsteig 2 des ehemaligen Dammer Bahnhofs fotografieren ließ, sorgte bereits in den 1920er-Jahren dafür, dass die etwa zehn Personen-, Eil- und Güterzüge täglich in beide Richtungen passieren konnten. Repro: Helmut Scheffler

Eine Geschichtstafel erinnert an den Bau und die Entwicklung der Cöln-Mindener-Eisenbahnlinie, die auch durch Damm führte. Einen Nutzen hatten die Dammer aber lange Zeit überhaupt nicht von der Bahn, weil die Züge hier nicht hielten. Erst im Jahre 1902 begannen die gemeinsamen Bemühungen der Dammer und Gartroper Gemeinderäte um einen Dammer Bahnhof. Ein jahrelanger Rechtsstreit verzögerte die Errichtung eines Bahnhofs. Am 22. September 1905 traf die Genehmigung des Ministers der öffentlichen Arbeiten in Damm ein. Die Königliche Eisenbahn-Direction Münster (KED) stellte am 11. April 1906 die Pläne für das Gebäude vor. Eine Akte im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und das Amtsblatt der KED Münster weisen für den damals als „Haltepunkt“ bezeichneten Dammer Bahnhof die Freigabe für den Personenverkehr und für den beschränkten Güterverkehr aus.

Wie der Bahnhof aussah, schilderten in den 1980er-Jahren mehrere Dammer und Drevenacker Bürger einem Dammer Heimatforscher. Danach gab es in dem Fachwerkgebäude zwei Räume. Der eine Raum diente als Warteraum, der andere für die Fahrkartenausgabe.

Acht Jahre nach dem Bau des Bahnhofs erwarb die Königlich Preußische Eisenbahnverwaltung in Münster die erforderlichen Grundstücke zur Anlage eines zweiten Gleises. Für 1,20 Mark pro Quadratmeter trat der Maurermeister August Bußmann am 20. April 1914 die erforderlichen Parzellen an die Bahnverwaltung ab, auf denen das zweite Gleis so zügig angelegt wurde, dass schon Ende 1914 die ersten Artilleriezüge ohne Beeinträchtigung durch den Gegenverkehr in Richtung Wesel rollen konnten, vorbei am Dammer Bahnhof, wo damals August Binnenhey den Fahrkartenverkauf und die Streckensicherung übernommen hatte.

Bahnanlage und Bahnhof bedeuteten für manche Dammer Familie eine sichere Erwerbsgrundlage; einige wie Althoff, Benninghoff, Bußmann, Dellmann, Hüfing und Prumbohm haben schon lange vor dem Ersten Weltkrieg im Dienst der Bahnmeisterei Drevenack gestanden. Wer von ihnen Kaiser Wilhelm II. für einen kurzen Moment erspähte, der am 4. Juni 1913 bei seiner Fahrt mit dem Sonderzug von Potsdam nach Geldern auch am Dammer Haltepunkt vorbeibrauste, lässt sich wohl nicht mehr ermitteln.

Ein Bahnhof im Ort ermöglichte auch den Bauern einen besseren Milchtransport. Vor dem Bau der Dammer Molkerei wurde die Milch am späten Abend kannenweise in Milchwagen verladen, die dem Personenzug um kurz vor 22 Uhr angehängt wurden und den Weg zur Milchverarbeitungsstelle Oberhausen antraten.

Das ratternde Dampfross wurde in Damm schnell zum Konkurrenten der Pferdekutsche, denn immer häufiger verzichteten die Bauersfrauen auf die gemächliche Fahrt mit dem Pferdewagen zum Markt nach Wesel, wo man Butter, Eier und Gemüse zum Verkauf anbot und sich mit allerlei „Stadtkram“ versorgte. Das schnaubende Dampfross verlockte auch manchen Schüler und jungen Arbeiter, auf die beschwerliche Fahrradfahrt nach Wesel zu verzichten. Wer wie Emil Hess und Albert Kölken ein Motorrad besaß oder Viehhändler Bernhard Hüfing im Opel und Francken Henrichsken im knallroten Cabriolet begleiten durfte, konnte sich glücklich schätzen, auf der fast menschenleeren Weseler Chaussee wesentlich schneller nach Wesel zu kommen. Die anderen stiegen bereitwillig auf dem Bahnsteig 1 in den Personenzug.

Heinz Neu, der Turmvereinsvorsitzende Ernst-Hermann Göbel und Walter Prumbohm laden zur Eröffnung der Gedenkstation am ehemaligen Dammer Bahnhof (Haltestelle) der ehemaligen Bahnlinie Haltern-Wesel-Venlo ein. Foto: Helmut Scheffler

Dass ein Bahnhof nicht nur Bequemlichkeit zu vermitteln vermag, hat die Bevölkerung der kleinen Bauerschaft mit kaum zu überbietender Deutlichkeit zu spüren bekommen, als ab Herbst 1939 Truppenzüge ostwärts und – später – westwärts zu rollen begannen. Feindliche Luftangriffe orientierten sich an der weithin sichtbaren, geradlinig verlaufenden Eisenbahntrasse. Irgendwann im Jahre 1944 wurde erstmals ein Zug mit Arbeitern auf dem Weg zum Westwall unmittelbar in der Nähe des Hauses Gustav Hess beschossen. Die entstandenen Schäden wurden umgehend von Rottenarbeitern beseitigt, die freilich erst mit der Reparatur begannen, nachdem sie vorher Ein-Mann-Löcher zum persönlichen Schutz gegraben hatten. Im Februar 1945 wurde die Bahn erneut Angriffsziel alliierter Jabos; zwar blieb der Bahnhof nahezu unbeschädigt, um so mehr wurden die benachbarten Bauernhöfe und Häuser von Wortelkamp, Prumbohm, Neu, Bußmann und Frieda Benninghoff in Mitleidenschaft gezogen. Haus Hess – unmittelbar am Bahndamm gelegen – erhielt einen Volltreffer, bei dem Gustav und Auguste Hess, eine Polin und eine Flakhelferin der benachbarten Flakstellung starben.

Ein halbes Jahrhundert hindurch hat der Dammer Bahnhof das Leben der Bewohner in guten und schlimmen Tagen geprägt; dann haben ihn technische Neuentwicklungen überrollt. Schon 1950 plante die Eisenbahndirektion Münster, den Zugverkehr auf der Strecke Wesel-Haltern aufzugeben. Die Schließung des Dammer Haltepunktes war ein erster Schritt auf dem Weg der Umverlegung des Personenverkehrs von der Schiene auf die Straße. Bis zum Sommer 1954 wurden noch Fahrkarten in Damm verkauft. Kurz vor Weihnachten wurde das Gebäude abgerissen. Als der Unternehmer Riesenbeck aus Münster die letzten Steine auseinander schlug, erlebte Johann Bußmann als Sicherungsposten das Ende des Dammer Bahnhofs mit. H.Scheffler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.