Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch hat sich vorgenommen, Flüchtlinge, die es hierher nach Schermbeck verschlagen hat, zu interviewen und ihre Fluchtgeschichten festzuhalten. Ihre Veröffentlichung soll dazu beitragen, ein wenig mehr darüber zu erfahren, was für Menschen mit was für Geschichten und Problemen zu uns kommen und nun mit uns leben. Diesmal geht es um Mahmoud al-Masri und seine Familie.

Wolfgang Bornebusch. Foto: Helmut Scheffler
Wolfgang Bornebusch. Foto: Helmut Scheffler

Mahmoud al-Masri (33 J.) und seiner Familie gilt heute mein Besuch, ihm und seiner Frau Tamam al-Ghosson (31 J.), ihren Kindern Ahmad (7 J.) und Mahmad (5 J.) wie auch seiner Schwiegermutter Hana Kiki (59 J.). Sie sind Syrer. Sie sind Sunniten. Sie waren zuhause in Damaskus, der Hauptstadt Syriens, einer Stadt mit großer und bedeutender christlicher wie auch muslimischer Tradition, einer Stadt, die heute zu einem großen Teil in Schutt und Asche liegt, in der ein Leben in Ruhe, Sicherheit und wohlgeordneten Bahnen unmöglich ist.
Das galt auch auch für die Familie von Mahmoud al-Masri. Sein Geld hat er als Drucker verdient. Stolz erzählt er, dass in seiner Firma mit den weltweit bekannten „Heidelberger Druckmaschinen“ Bücher gedruckt wurden. Die wiederholten Bombenangriffe, die Scharfschützen in den Straßen aber machten es ihm zuletzt unmöglich, ungefährdet zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen. Der kleine Ahmad konnte aus den gleichen Gründen nicht mehr zur Schule gehen. Eingekauft wurde – bei entsprechendem Risiko – nur einmal in der Woche. Schließlich musste die Familie auch weiterhin etwas essen und trinken. Halbwegs sicher fühlte sie sich nur in den eigenen vier Wänden. Halbwegs! Das Haus der Eltern den Mahmoud al-Masri wurde bei einem Bombenangriff zerstört.

Die Eltern mit ihren Kindern Ahmad und Mahmad. Foto: Wolfgang Bornebusch
Die Eltern mit ihren Kindern Ahmad und Mahmad. Foto: Wolfgang Bornebusch

Erstes Fluchtziel: Der Libanon
So sah die Famlie al-Masri in ihrer Heimat schließlich keine Zukunft mehr für sich. Sie entschieden sich, all das hinter sich zu lassen, was ihr Leben ausgemacht hatte: Familie, Freunde, Nachbarschaft, Arbeitskollegen, liebgewordene Ort und Plätze, vertraute Gerüche… Das war vor etwa anderthalb Jahren. Das Ziel ihrer Flucht war aber zunächst nicht Deutschland, sondern der benachbarte Libanon, genauer: Beirut. Mahmoud al-Masri fand dort auch wieder Arbeit in seinem Beruf als Drucker. Aber der Libanon, früher „die“ wirtschaftliche Drehscheibe im Nahen Osten, ist heute ebenfalls ein gebeuteltes, unruhiges, politisch äußerst fragiles Land. Und das Leben – vor allem in Beirut – ist teuer. Mahmoud al-Masri arbeitete, so sagt er, tagaus tagein von 6-20 Uhr und war dennoch nicht in der Lage, den Lebensunterhalt seiner Familie zu finanzieren.
Zweites Fluchtziel: Deutschland
So entstand nach etwa einem Jahr der Plan, auch den Libanon wieder zu verlassen – in Richtung Deutschland. Allerdings wollte die Familie es auf keinen Fall riskieren, mit dem Boot die Türkei in Richtung Griechenland zu verlassen. Wie viele Menschen auf diesem Weg schon ertrunken waren, das hatte sich bereits herumgesprochen.
So flog die Familie zunächst in die Türkei,- nach Ankara, wenn ich das richtig verstanden habe. Von dort aus wollten sie mit dem Bus die bulgarische Grenze erreichen. Dass diese Grenze dicht war, so mein Interviewpartner, habe er nicht gewusst. Der vermeintliche Schlepper aber, der ihn und seine Familie über diese Grenze zu bringen versprochen hatten, nutzte die Gelegenheit, als sie in einem Waldstück unbobachtet und allein mit ihm unterwegs waren: Er bedrohte sie mit einem Messer, forderte den ausgemachten Lohn für seine Schlepperdienste im Voraus und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Kurz danach wurde die Familie al-Masri von der türkischen Polizei aufgegriffen und landete erst einmal im Gefängnis. Für ganze 11 Tage. Die beiden Frauen mit den Kindern kamen zu anderen Frauen und Kindern, der Mann zu anderen Männern. Tagsüber konnte man sich sehen, sich auch auf einem Hof im Freien bewegen. Die Behandlung war okay, meint Mahmoud al-Masri.
Dann aber wurden sie wieder laufen gelassen. Neues Geld bekamen sie von seinem per Smartphone informierten Vater, der – wie auch seine Mutter, seine zwei Schwestern und sein Bruder – in Syrien zurückgeblieben war. Per Überweisung. Mit Hilfe von „Western Union“. Die Odysee konnte weitergehen.
Fluchtweg nun doch über das Meer
Der neue Plan war, nun doch den Weg übers Meer zu wagen. Das sei doch der beste und einfachste Fluchtweg, hatte man ihnen gesagt. So fuhren sie mit dem Bus zunächst nach Izmir. Von dort, so mein Gesprächspartner, führen die Wege der Schlepper zu verschiedenen der türkischen Küste vorgelagerten griechischen Inseln. Auch nach Samos. Dorthin sollte die Reise für die Familie al-Masri und eine ganze Reihe von weiteren Flüchtlingen nun gehen. Als die Gruppe das bereitstehende Schlauchboot besteigen, ist das Meer ruhig, gut für eine Überfahrt.
Mahmoud öffnet sein Smartphone. Er hat während der Überfahrt gelegentlich gefilmt. Man sieht: Die Insassen des übervollen Schlauchbootes machen einen geradezu euphorischen Eindruck. Sie scheinen froh und glücklich zu sein, die Türkei hinter sich gebracht zu haben und bald Griechenland, Europa zu erreichen.

Tama al-Ghosson, ihre Mutter und eines der Kinder im Schlauchboot
Tama al-Ghosson, ihre Mutter und eines der Kinder im Schlauchboot

Doch das Wetter änderte sich. Die Wellen wurden höher und höher. Kurz bevor sie Samos erreichen – so etwa 2 km vor der Küste der Insel – kentert das Schlauchboot. Eine der heranrollenden hohen Wellen, so meint er, hatte es aus dem Gleichgewicht gebracht und umgekippt. Und wie habt Ihr es geschafft, die Küste zu erreichen? Wir hatten alle Rettungswesten an. Und Tamam und ich sind gute Schwimmer. Und die Kinder? Und die Schwiegermutter? Nein, die können nicht schwimmen. Sie hatten nur ihre Schwimmwesten. Wie haben das die Kinder und die Schwiegermutter, so denke ich, wohl erlebt? Welche Ämgste haben sie da durchstanden? Welche Bilder tragen sie von dieser Situation noch mit sich herum? Dazu verliert mein Gegenüber kein Wort.
Mahmoud und ein paar andere kräftige Männer, so verstehe ich, schafften es schließlich, das Schlauchboot wieder umzudrehen und die Kinder ins Boot zu hieven. Schwimmend, ziehend, drükend brachten sie das Boot in Richtung der rettenden Küste voran. Schließlich kaamen sie auf einem kleinen, Samos vorgelagerten, unbewohnten Inselchen an Land. Vier Stunden waren sie auf dem Wasser, so meint sich Mahmoud zu erinnern. Alle haben überlebt!
Mahmoud machte wieder Fotos mit seinem Smartphone. Eines, so erzählt er, sendete er an die griechische Polizei. Einige sammelten auch Holz und machten ein Feuer, um so auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich kam die griechische Küstenwache, lud die Gestrandeten auf ihr Boot und brachte sie zur Insel Samos. Sie hatten ihr Ziel erreicht!
Einmal quer durch Europa
Der Rest klingt im Vergleich ziemlich harmlos. Drei Tage mussten sie noch auf Samos bleiben. Dann brachte sie ein riesiges Schiff, das auch Autos transportierte, vermutlich eine Fähre, nach Athen, wo sie wieder drei Tage blieben. Dann brachen sie wieder auf. Mit Bus und Bahn ging es ganze 25 Tage lang quer durch Griechenland, die Balkanländer, durch Österreich – nach Deutschland. Endstation war ein Auffanglager in Dortmund. Von dort wurden sie sehr bald weitergeleitet. Nach Nettetal zunächst, so verstehe ich, wo sie noch einmal für 20 Tage unterkamen. Von dort schließlich nach Schermbeck.

Einige der auf dem Inselchen vor Samos Gestrandeten. Im Zentrum des Bildes Hana Kiki, die Schwiermutter, zusammen mit einem der Jungens. Ganz vorne links, die Hände über dem Kopf, Tamam al-Ghosson
Einige der auf dem Inselchen vor Samos Gestrandeten. Im Zentrum des Bildes Hana Kiki, die Schwiermutter, zusammen mit einem der Jungens. Ganz vorne links, die Hände über dem Kopf, Tamam al-Ghosson

Seit vier Monaten in Schermbeck
Seit vier Monaten ist die Familie al-Masri nun in Schermbeck. Sie bewohnt zwei Räume in der ehemaligen Üfter Volksschule. Man spürt: Sie sind glücklich, angekommen zu sein, sicher zu sein, zur Ruhe zu kommen nach all den Strapazen. Sie sind dankbar, dass es Menschen gibt, die sich um sie kümmern und ihnen Orientierung geben. Aber die Familie würde gerne eine etwas größere Wohnung haben. Die jetzige beengte Situation macht das Leben manchmal schwierig. Sie würde auch gerne mehr im Zentrum von Schermbeck leben, wo die Wege kürzer sind, wo die Familie mehr am öffentlichen Leben teilnehmen kann. Gerade am Tag des Interviews wurde eine Wohnung frei, die sie gern bezogen hätten. Ein makedonische Familie hatte sie verlassen, um in ihre Heimat zurückzukehren. Mahmoud al-Masri hatte sich auch gleich um diese Wohnung beworben. Aber sie war zu groß. Eine andere, eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie wird dort einziehen. Er und seine Familie müssen mit einer weiteren Enttäuschung fertigwerden.
Die beiden Jungens wollen Polizisten werden
Die beiden Jungens machen schon jetzt sehr deutlich: Wir wollen nicht zurück nach Syrien. Wir bleiben in Deutschland. Und wenn wir groß sind, wollen wir Polizisten werden. Ahmad besucht jetzt aber erstmal die Gemeinschaftsgrundschule. Er geht gerne dorthin, sagen die Eltern. Mahmad sollte eigentlich in den Kindergarten gehen, aber es gibt im Augenblick keine freien Plätze.
Hana Kiki, der Schwiegermutter, scheint unter den Strapazen am meisten gelitten zu haben. Zumindest körperlich. Sie hat oft Kopfschmerzen, braucht Ruhe. Erst langsam erholt sie sich, sagt ihre Tochter. Gleichwohl zieht sie sich nicht zurück. Als ich sie zum ersten Mal begrüße, ist sie gerade zurückgekehrt von einem Ausflug nach Dinslaken. Dort war sie auf dem türkischen Markt zum Einkaufen.
Mahmoud, der Vater, geht regelmäßig zum Deutschunterricht. Ihm ist klar, wie wichtig es ist, das Deutsche zu beherrschen. Stolz zeigt er mir sein Vokalbelheft. Er scheint sehr ehrgeizig zu sein. Er will, sobald es möglich ist, auch wieder arbeiten und Geld verdienen, wieder eine neue Perspektive für seine Familie schaffen. Er scheint es schwer aushalten zu können, dass alles soviel Zeit braucht. Nach Möglichkeit würde er wieder in seinem Beruf arbeiten: Er möchte gern wieder Bücher drucken.
Tamam, die Mutter, würde auch gern zum Deutschunterricht gehen. Aber sie muss sich um die Kinder kümmern, meint sie. Ihre Mutter, so fügt sie hinzu, ist dazu noch nicht in der Lage. Trotzdem lernt auch sie eifrig Deutsch. Mit Hilfe von Smartphone und Internet. Auch sie hat ihr Vokabelheft, in dem sie die Worte, die sie behalten will, notiert. Einen Moment wendet sie sich von mir ab, betätigt sie sich an ihrem Smartphone, dann hält sie es mir hin. „Schön, Dich zu sehen!“ steht dort geschrieben. Wir beide müssen lachen.

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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