Nach 156 Jahren steht der MGV „Eintracht“ vor dem Aus

Die Schermbecker Kulturszene verliert

Die Schermbecker Kulturszene verliert einen wichtigen musikalischen Akteur

Auf dem Titelbild der Festschrift, die der Männergesangverein im Jahre 2015 anlässlich seines 150-jährigen Bestehens erstellte, stürmen 30 gutgelaunte Sänger voller Schwung auf den Fotografen zu. Sechs Jahre später war von diesem Schwung fast nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Am 31. Oktober haben die Mitglieder während einer Mitgliederversammlung im Dorfgemeinschaftshaus einstimmig beschlossen, den im Jahre 1865 gegründeten MGV „Eintracht“ aufzulösen. Damit verliert die Schermbecker Kulturszene einen wichtigen musikalischen Akteur.

Schlussstrich

Im Rahmen einer Pressekonferenz stellten der 1. Vorsitzende Dr. Wolfgang Kimpenhaus und der 2. Vorsitzende Wolfgang Paul am Mittwoch im Café Kleinespel & Imping die Entwicklung des MGV vor, die schließlich dazu führte, dass ein Schlussstrich unter einen nicht mehr aufzuhaltenden Schrumpfungsprozess gezogen wurde.

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100-Stiftungsfest-MGV-Gahlen. Repro: Helmut Scheffler

Zwischen 2015 und 2020 schrumpfte die Mitgliederzahl von 30 auf 22. Im Januar 2021 standen nur noch 17 Aktive auf der Mitgliederliste. Durch die Erkrankung eines Sängers im Jahre 2021 und durch die Ankündigung des 1. Vorsitzenden, Anfang 2022 nach Essen umzuziehen, sinkt die Zahl der aktiven Mitglieder auf 15. Das mittlere Alter der verbliebenen Sänger lag bei 75 Jahren. Zwei Sänger hatten ihren 85. Geburtstag bereits gefeiert.

Rückgang der Teilnahme an den wöchentlichen Proben

Tod und Krankheit trugen ebenso zum Rückgang der Teilnahme an den wöchentlichen Proben bei wie ein Umzug in eine seniorengerechte Wohnung außerhalb Schermbecks, Urlaubsaufenthalte nach längerer Corona-Abstinenz, Arbeitsbelastung, Wechselschicht und nicht zuletzt etwa 25 Prozent Desinteresse. Aus all dem ergab sich, dass zu dem seit Anfang September wieder aufgenommenem Probenbetrieb trotz Ansprache und Bitten maximal acht Sänger kamen, weit weniger als das vom Chorleiter Jörg Remmers geforderte Limit von zehn Sängern. Die Proben konnten nur deshalb stattfinden, weil Sänger des mit der „Eintracht“ befreundeten MGV „Gahlen-Dorf“ ausgeholfen haben.

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Der Männergesangverein „Eintracht“ feierte im Jahre 2015 sein 150-jähriges Bestehen. Foto: Helmut Scheffler

Der Versuch, neue Sänger zu gewinnen, scheiterte seit Jahren unter anderem auch daran, dass das vierstimmig gesungene Liedgut großer Volks- ud Kunstlied-Komponisten wie Schubert, Silcher oder Beethoven als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurde und eine Hinwendung des Chores zu moderner Literatur wegen andersartiger Rhythmik und fremder Sprache misslangen.

Männerchor-Sterben

Eine seit 156 Jahren gepflegte Gesangstradition läuft aus. Große, vom MGV getragene Musikereignisse wie das Pfingstfest oder Weihnachtskonzerte gehören damit der Vergangenheit an. Der MGV „Eintracht“ reiht sich damit ein in das seit Jahren beobachtete regionale Männerchor-Sterben. „Es ist absehbar, dass sich diese Situation in Zukunft nicht ändert“, bedauert Wolfgang Paul. Damit werde der Vereinszweck gemäß Satzung nicht mehr zu realisieren sein.“ In der Satzung wird als Vereinszweck formuliert: „Der Männergesangverein Eintracht Schermbeck bezweckt durch die Ausbreitung und Veredelung des deutschen Chorgesangs als einer wichtigen kulturellen Gemeinschaftsaufgabe die Förderung der Volksbildung und Heimatpflege. Durch die einigende Kraft des deutschen Liedes will der Männergesangverein (MGV) Eintracht Schermbeck das deutsche Volksbewusstsein stärken und die Gemeinschaft aller Volksschichten fördern.“

Offene Abstimmung

Während der Versammlung am 31. Oktober bestätigten die Anwesenden die zu Gehör gebrachten Daten und Fakten zur Entwicklung des Chores. „Angesichts der wenig erfreulichen Entwicklung“, so Wolfgang Kimpenhaus, „gab es keine weitere Diskussion.“ Die Mitglieder wünschen einstimmig eine offene Abstimmung über die Frage: „Wollen wir angesichts der Entwicklung den Verein MGV Eintracht Schermbeck 1865 e.V. auflösen?“ Die Abstimmung ergab ein einstimmiges „Ja“.

Die beiden Vorsitzenden Wolfgang Kimpenhaus und Wolfgang Paul sind nun die gemeinsam vertretungsberechtigten Liquidatoren. In dieser Funktion beenden sie nach den Vorgaben des § 49 des Bürgerlichen Gesetzbuches die laufenden Geschäftes des Vereins. Die Satzung sieht vor, dass das Vermögen des Vereins „zu gleichen Teilen an die im Ortsteil Schermbeck der Gemeinde Schermbeck zu diesem Zeitpunkt befindlichen gemeinnützigen Kindergärten“ fällt, „die es unmittelbar und ausschließlich für Jugendpflege verwenden müssen. Die Mitglieder haben keinen Anspruch auf Anteile des Vereinsvermögen.“ Zum Vermögen gehören neben dem Geld auf Konten ein Klavier, Notensätze und ein ehemaliges Trafohäuschen an der Erler Straße.

Danke

„Wir sagen allen Dank, die uns in irgendeiner Form unterstützt haben“, fasste Wolfgang Kimpenhaus am Mittwoch zusammen. Gemeinsam mit Wolfgang Paul erinnerte er an die Unterstützung durch die Volksbank und die Nispa, durch die Gemeinde Schermbeck und die beiden Kirchengemeinden. Viel Lob gab es für den ehemaligen Bürgermeister und „Eintracht“-Sänger Ernst-Christoph Grüter und für die Frauen der Sänger, ohne deren aktive Unterstützung Veranstaltungen des Chores nicht so reibungslos hätten verlaufen können.

Einen öffentlichen Auftritt des Chores wird es nicht mehr geben. Geplant ist allerdings eine vereinsinterne Abschiedsfeier, in deren Verlauf die Sänger doch vielleicht noch einmal daran erinnern werden, dass man mit Musik in den zurückliegenden 156 Jahren vielen Menschen sehr viel Freude bereitet hat.

„Eintracht“-Sängern, die weiterhin in einem Männerchor mitsingen möchten, bietet der Männergesangverein „Gahlen-Dorf“ eine neue musikalische Heimat an. In den letzten Jahren hat es wiederholt gemeinsame Auftritte unter der Leitung des gemeinsamen Dirigenten Jörg Remmers gegeben. Helmut Scheffler

Info:

* Im Jahre 2015 erschien anlässlich des 150-jährigen Bestehens des MGV „Eintracht“ eine Festschrift mit einer Vereinschronik für die Jahre 1865 bis 1989. In dem Kapitel „Zwischen den Jubiläen“ findet der Leser auf 60 Seiten mehr als 200 Fotos aus den Jahren 1990 bis 2015, die von einem regen Vereinsleben zeugen.

* Bilder und Dokumente aus der langen Vereinsgeschichte sowie die Vereinsfahne will der Verein dem Heimat- und Geschichtsverein Schermbeck für seine Sammlung im Heimatmuseum übergeben.

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Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.