Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch hat sich vorgenommen, Flüchtlinge, die es hierher nach Schermbeck verschlagen hat, zu interviewen und ihre Fluchtgeschichten festzuhalten.  

Interview mit Roozbeh

Mein Interviewpartner heißt mit Vornamen Roozbeh. Er bittet mich, seinen Nachnamen hier nicht zu nennen und auf ein Foto zu verzichten. Er hat Angst, dass das Interview sonst negative Folgen für seine Familie haben könnte. Ihr hat er auf Grund seiner Flucht, so meint er, schon genug Ärger mit Polizei und Geheimdienst gemacht.

Wolfgang Bornebusch
Pfarrer i. R. Wolfgang Bornebusch

Roozbeh ist gerade 29 Jahre alt geworden und kommt aus Iran. Geboren wurde er in Schiraz, mit 1,5 Millionen Einwohnern die fünftgrößte Stadt des Landes, Hauptstadt der Provinz Fars, 700 km südlich von Teheran gelegen. 4000 Jahre alt soll sie sein. Zwei mächtige Königshäuser stammen von hier: die antiken Achämeniden und die Sassaniden, die bis in die Zeiten Mohammeds hinein regierten.

In dieser Stadt wächst er zusammen mit einer Schwester auf in einer muslimischen Familie, die – so verstehe ich ihn – ihren religiösen Wurzeln eher entfremdet ist und dem Islam gleichgültig bis kritisch-distanziert gegenüber steht. Auch der jugendliche Roozbeh findet in den Lehren des Islam keine Orientierung und im Laufe der Zeit immer mehr Gründe, ihn abzulehnen. Schon früh, so sieht er es in der Rückschau, sucht er nach etwas anderem, was ihm Halt geben kann.

Doch noch einmal zurück: 12 Jahre besucht Roozbeh die Schule, um anschließend an der Universität „Bauingenieurswesen“ – so übersetzt er es selbst – zu studieren. In diesem Bereich arbeitet er auch schon, als er mit dem Christentum in Berührung kommt und schließlich eine „homechurch“ (Hauskirche) besucht, eine kleine Gruppe von vier ehemaligen Muslimen. Jeden Freitag kommen sie zusammen. Etwa ein Jahr lang (bis zu seiner Flucht!) nimmt er an ihren geheimen Zusammenkünften teil. Dabei wird ihm zunehmend klar, dass er zum Christentum konvertieren möchte. Seine Familie respektiert seine Entscheidung – zumindest Vater, Mutter und Schwester.

Wenn ein Muslim zum Christentum konvertiert…
Die islamische Republik Iran allerdings ist mit einer solchen Entscheidung in keiner Weise einverstanden. Männliche Muslime, die zum Christentum konvertieren, müssen mit der Todesstrafe rechnen, Frauen erwartet u. U. lebenslanges Gefängnis.
Assyrische und armenische christliche Gemeinden, die ihre Gottesdienste in ihrer jeweiligen Sprache feiern, genießen einen gewissen Schutz. Geborene Perser aber gelten per se als Muslime. Dieser Logik folgend sind persisch-stämmige Christen automatisch Abtrünnige (Apostaten). Jede christliche Aktivität in Farsi, der persischen Sprache, wird als Gesetzesübertretung geahndet.
Ehemalige Muslime, die sich zum Christentum bekehrt haben, rechnet man aber inzwischen zur größten Gruppe unter den Christen im Iran. Diese können ihr Christsein – ständig von Verfolgung bedroht – natürlich nicht öffentlich leben und bezeugen. Deshalb gehen sie in den Untergrund. Sie schließen sich z. B. in kleinen „Hauskirchen“ zusammen, treffen sich heimlich in privaten Räumen.

Viele jugendliche Perser wenden sich vom Islam ab
In einem Artikel der „Frankfurter Allgemeinden Zeitung“ (FAZ) hieß es jüngst, dass Jugendliche im Iran vielfach die Wahrheit des Islams mit der Wahrheit der Herrschenden gleichsetzen und deshalb – in Ablehnung des rigiden Mullahregimes – nach Alternativen suchen und sich dann oft entscheiden, „anderen Glaubensrichtungen beizutreten. Liberale Muslime beschuldigen deshalb die herrschenden Dogmatiker, dass ihre Vorgehensweise zur massenhaften Abwendung der Bevölkerung, insbesondere der Jugendlichen, vom Islam geführt hat.“ (Amir Hassan Cheheltan in der FAZ vom 13. Juli 2016).

Die iranischen Machthaber aber geben nicht nach. Sie sehen im christlichen Glauben in erster Linie einen Ausdruck des verwerflichen westlichen Einflusses, eine unmittelbare Bedrohung der Errungenschaften der islamischen Revolution von 1979, geradezu eine Infragestellung der Identität des iranischen Staates. Sie meinen deshalb, sich gegen diesen Einfluss unerbittlich wehren zu müssen – auch unter Missachtung der Menschenrechte.

Roozbeh muss fliehen
Doch zurück zu Roozbeh, dessen Geschichte wir in dem beschriebenen Zusammenhang sehen und verstehen müssen. Sein Christsein bzw. sein Abtrünnigwerden vom Islam bleibt den argwöhnisch-aufmerksamen Organen von Polizei und Geheimdienst nicht verborgen. Bei einer Hausdurchsuchung findet man christliche Literatur in Farsi auf seinem Zimmer und entdeckt seine Mitgliedschaft in einer Hauskirche. Was die Konsequenzen sein können, ist ihm klar. Er muss fliehen. Wir befinden uns im Spätsommer 2014.
Er kann sich der Verfolgung durch die Polizei entziehen, aber nicht so ohne Weiteres das Land verlassen: Seinen Pass, so sagt er, hat man auf die schwarze Liste gesetzt. Würde er versuchen, über einen Flughafen das Land zu verlassen oder mit einem PKW die Grenze zur Türkei ordnungsgemäß zu überqueren, würde er sofort verhaftet.

Ein Onkel von Roozbeh findet einen Ausweg: Er bezahlt einen LKW-Fahrer, vermutlich einen Schlepper, der ihn außer Landes bringen soll. Das gelingt auch: Er sitzt in so etwas wie einem Käftig, umgeben von und verborgen durch alle möglichen Transportgüter. Er bekommt Luft. Er hat ausreichend zu essen und zu trinken. Mit einer Taschenlampe kann er sich gelegentlich Licht machen. Bewegen kann er sich kaum. Und das ganze 12 Tage lang. Um die Zeit zu verkürzen, nimmt er (erfolgreich!) Schlaftabletten. Um das Toilettenproblem halbwegs in den Griff zu kriegen, isst und trinkt er so wenig wie möglich. Darüber hinaus nimmt er Tabletten ein, die die Darmtätigkeit herabsetzen. Trotzdem muss diese Fahrt ein Grauen gewesen sein. Niemals mehr in seinem Leben, so betont er, würde er sich auf eine solche Tour bzw. Tortur noch einmal einlassen.
Welche Strecke er gefahren ist, welche Länder er durchfahren hat, weiß er nicht, kann er allenfalls mutmaßen. Nach 12 Tagen wird er irgendwo auf einem Parkplatz am Rande einer Landstraße abgesetzt. Es ist Nacht. Es ist kalt. Der Fahrer und der LKW verschwinden – mit seinem Pass. Er bleibt allein zurück und macht sich auf, um eine Stadt oder ein Dorf zu finden. Es dauert nicht lange, so verstehe ich ihn, da greift ihn die Polizei auf. Ob er wisse, wo er sich befinde, wird er u. a. gefragt. Er verneint. Man klärt ihn auf: In der Slowakei.

Die Zeit im slowakischen Flüchtinglager ist eine traumatisierende Erfahrung
In der Slowakei, das wird Roozbeh sehr schnell klar, ist er nicht willkommen. Die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, lassen ihn das fast ohne Ausnahme deutlich spüren. In diesem Land will er nicht bleiben. Trotzdem muss er hier einen Asylantrag stellen, denn die Alternative hieße, in den Iran zurückgeschickt zu werden. Und das will er auf keinen Fall. Er stellt also den Antrag auf Asyl.

Daraufhin bringt man ihn in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Bratislava unter. Es ist ein sehr kleines Lager mit nur etwa 15 Insassen. Sie kommen u. a. aus Syrien, dem Irak, aus Bangladesh und Pakistan. Auch ein palästinensischer Christ aus Bethlehem ist unter ihnen. Mit ihm freundet er sich an.
Sein neuer Freund begeht nun allerdings einen Fehler: Er gibt sich und Roozbeh gegenüber den anderen, ausschließlich muslimischen Flüchtlingen als Christen zu erkennen und äußert sich zugleich sehr kritisch gegenüber dem Islam. Das fördert die Beziehungen natürlich nicht. Im Gegenteil: Es kommt immer wieder zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Er wird geschlagen, getreten, gedemütigt. Er hat Angstträume und schließlich das Gefühl, verrückt zu werden.

Das slowakische Personal kümmert sich nicht, greift nicht ein, so sagt er. Es scheint die Kämpfe und Auseinandersetzungen unter den Insassen des Lagers eher zu begrüßen und zu fördern. Verschärft wird die Situation noch dadurch, dass dieses Lager ein geschlossenes ist. Man kann das Lager nur auf Antrag und mit entsprechender Erlaubnis verlassen. Letztere wird nicht selbstverständlich erteilt. Roozbeh hat das Gefühl, in einem Gefängnis zu sein.
Während er von dieser Zeit erzählt, verliert er merklich die Fassung. Die Zeit in diesem Lager weckt in ihm offensichtlich die übelsten Erinnerungen. Er verlässt für einige Minuten den Raum, um wieder die Kontrolle über sich und seine Gefühle zu bekommen.

Nach 6 Monaten, so erzählt er, verbessert sich seine Lage ein wenig dank einer Psychologin, die einmal in der Woche ins Flüchtlingslager kommt. Sie erkennt seinen Zustand und vermittelt ihm einen unbezahlten Job in einem Architekten-büro. In der Woche kann er also jeden Tag das Lager verlassen. Ein Schrecken bleiben für ihn die Wochenenden. Dann sitzt er im Lager fest.

Roozbeh kommt nach Deutschland
Nach 8 Monaten kann er schließlich das Lager und zugleich die Slowakei verlassen. Erste Station ist das nicht sehr weit entfernte Wien. Doch er will weiter nach Deutschland. Deshalb tut er sich mit einigen Afghanen zusammen. Gemeinsam suchen und finden sie jemanden, der sie gegen Bezahlung über die Grenze nach Deutschland bringt.
Die einzelnen Stationen, die dann folgen, kann er nicht alle benennen. Er gelangt jedenfalls relativ bald nach Düsseldorf, wo er sich durchfragt – er spricht ein ziemlich gutes Englisch – nach der Ausländerbehörde. Am 15. September 2015, an dieses Datum erinnert er sich genau, stellt er hier in Deutschland erneut einen Asylantrag. Dieser Antrag ist bis heute noch nicht beschieden – weder positiv noch negativ.
Von Düsseldorf aus schickt man ihn zunächst nach Kerpen, wo er ganze 2 Monate bleibt. Von dort reicht man ihn weiter nach Kevelaer, wo er sich eine ganze Woche aufhält. Dann geht es für ihn weiter nach Schermbeck. Hier lebt er nun seit ungefähr 8 Monaten. Mehrere Male musste er umziehen. Ich treffe ihn im ehemaligen Ecco-Hotel an der Maassenstraße. Dort hat er ein Zimmer in der obersten Etage, wo außer ihm nur Familien untergebracht sind. Dort, so sagt er, ist es sehr ruhig. Dort fühlt er sich inzwischen ausgesprochen wohl.

Von Schermbeck nur Gutes
Über Schermbeck und die Schermbecker kann er nur Gutes sagen. Noch niemand ist ihm hier bisher feindselig oder unfreundlich begegnet, so sagt er. Er hat inzwischen einige afghanische Freunde. Sie sind Muslime. Aber das ist kein Problem. Religion, so haben sie entschieden, soll unter ihnen kein Thema sein.
Am Deutschunterricht hat er hier in Schermbeck offensichtlich regelmäßig teilgenommen. Es gelingt ihm auch immer wieder, ganze Sätze auf Deutsch zu formulieren. Auf Englisch kommunizieren wir miteinander, wenn es auf Deutsch nicht funktioniert.

Freudig berichtet er, dass jemand für ihn den Kontakt zur Essener Universität hergestellt hat. Stolz zeigt er mir seine Gasthörerkarte. Er hat dort schon Vorlesungen in seinem Fach gehört, hat auch schon an anderen universitären Veranstaltungen teilgenommen und die Universitätsbibliothek besucht und benutzt. So zeigt er mir ein Fachwörterbuch, das er dort ausgeliehen hat. In ihm sind die Fachbegriffe aus dem Bauingenieurswesen auf Farsi und Deutsch zu finden.

Im Augenblick freilich ruhen seine Aktivitäten an der Essener Universität, weil ihm inzwischen eine Arbeitserlaubnis erteilt wurde. Darüber hinaus vermittelte ihm das Jobcenter ein sechswöchiges, unbezahltes Praktikum, das ihn voll und ganz in Anspruch nimmt. Er fährt nun jeden Tag zweieinhalb Stunden mit dem Bus nach Düsseldorf, wo er jeweils (nur) sieben Stunden arbeitet, um noch den Bus zu erreichen, der ihn dann wieder in zweieinhalb Stunden zurück nach Schermbeck bringt. Das Busticket zahlt das Jobcenter. Ein voller Tag, den er da zu bewältigen hat. Aber er ist froh darüber, so beschäftigt zu sein – zumal er in einer Firma arbeitet, in der er sein Fachwissen im Bauingenieurswesen einsetzen kann. Freitags – das ist Teil des Praktikums – fährt er nach Dinslaken, wo er an so etwas wie einem Deutsch-Intensivkurs teilnimmt. Vier Wochen seines Praktikum hat er schon hinter sich gebracht. Er hofft sehr, dass man ihn anschließend übernimmt.

Roozbeh will getauft werden
Mein Interviewpartner hatte zwar schon im Iran Kontakt zu Christen und zu einer Hauskirche, wie oben berichtet, getauft ist er aber noch nicht. Das soll jetzt hier Schermbeck geschehen. Einmal wöchentlich trifft er sich mit Ekkehard Liesmann, dem Diakon der Katholischen Kirchengemeinde St. Ludgerus, zum Taufunterricht. Stolz berichtet er, dass er bereits mit Öl gesalbt worden sei. Zum Zeichen, dass er sich auf die Taufe vorbereitet und mit dem Heiligen Geist verbunden ist, so erfahre ich von Pfarrer Honermann, erhielt er an seinem 29. Geburtstag – im Rückgriff auf eine altkirchliche Tradition – die Katechumenensalbung.

Ein ganz normales Leben führen
Gefragt nach seinen Wünschen für die Zukunft, bekomme ich zur Antwort: Ein ganz normales Leben zu führen, einen Job zu haben, Geld zu verdienen, unabhängig zu sein von der Unterstützung irgendwelcher Ämter, eine eigene Wohnung zu haben, respektiert zu sein – das Wort Respekt fällt immer wieder! – und Freunde zu haben. Vor allem aber: In Deutschland bleiben zu dürfen! Hoffen wir für ihn, dass sich seine Wünsche erfüllen.
Wolfgang Bornebusch, Pfarrer i. R.

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celawie
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