Fanatische Nazis lehrten Schermbecker Juden das Fürchten

Schermbecker Gesamtschüler erinnerten an die Reichspogromnacht

Schermbeck Drei Tage nach dem 9. November, an dem – parallel zur Erinnerung an den Mauerfall vor 25 Jahren – deutschlandweit der Reichspogromnacht des Jahres 1938 gedacht wurde, lud die Gesamtschule zu einer Gedenkstunde in die Aula der Schule ein. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die von der Studienrätin Anna Esters (Beitragsfoto) in Zusammenarbeit mit Berthold Schmeing von der Gemeindeverwaltung vorbereitet wurde, stand ebenfalls das Geschehen im Umfeld des 9. Novembers 1938.
Mit der Schilderung der Vorgänge, die sich vor 76 Jahren in Schermbeck ereigneten, befassten sich die beiden Q2-Schülerinnen Lara Franken und Katharina Willing, zwei Schülerinnen des Geschichts-Leistungskurses, der von Lehrerin Sandra Rosarius geleitet wird, die zugleich Fachvorsitzende für Geschichte an der Schermbecker Gesamtschule ist. Die beiden Schülerinnen verstanden es, aus den bisherigen Forschungen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Schermbeck jene Stellen herauszufiltern, die das Interesse zum Zuhören bei den mehr als 100 Schülern schürten.
Katharina Willing fasste Andrea Kammeiers und Wolfgang Bornebuschs Forschungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Schermbeck knapp zusammen. Den ältesten Hinweis auf Schermbecker Juden findet man in den Kirchenbüchern der Georgsgemeinde. 1676 wurde dort notiert, dass der Schutzjude Philippus starb. Katharina Willing listete ferner auf: 1681 wurde der jüdische Friedhof erstmals erwähnt. 1789 wurde die Synagoge erstmals erwähnt. 1788 bis 1807 lebten bei einer Einwohnerzahl von 586 bis 741 in Schermbeck 23 bis 24 Juden. Anhand einer Karte belegte die Schülerin, wo die jüdischen Familien im Jahre 1855 im Schermbecker Ortskern wohnten. Katharina Willing ergänzte: 1934 wurde die Synagoge geschlossen. 1935 wurde ein Schulverbot für Juden ausgesprochen. Ihre Ausführungen endeten mit den Deportationen Schermbecker Juden nach Minsk, Riga, Trawniki und Auschwitz.

Die Schülerinnen Lara Franken und Katharina Willing (v.l.) berichteten während der Gedenkfeier am Mittwoch über die jüdische Gemeinde in Schermbeck und über die Ereignisse am 9. November 1938. Foto Scheffler
Die Schülerinnen Lara Franken und Katharina Willing (v.l.) berichteten während der Gedenkfeier am Mittwoch über die jüdische Gemeinde in Schermbeck und über die Ereignisse am 9. November 1938. Foto Scheffler

Lara Franken berichtete über die Vorgänge am Tag der Reichskristallnacht und verwertete dabei neben Kammeiers und Bornebuschs Forschungen die Lebenserinnerungen der ehemaligen Schermbecker Jüdin Marga Randall, die sie 1997 in ihrem Buch „Als sei es erst gestern geschehen“ niederschrieb. Danach versammelten sich zwischen 17 und 18 Uhr am 9. November 1938 auf Befehl die SA, SS aus Brünen, die Hitlerjugend und die Feuerwehr auf einer Wiese und zogen nach einer Rede geschlossen durch die Ortschaft. „Es wurden Hetzlieder gesungen“, teilte Lara Franken mit. Beim zweiten Rundgang gingen schon einige Fenster jüdischer Häuser und bei so genannten Judenfreunden zu Bruch. Am Abend hätten SS, SA und einige Mitglieder der Hitlerjugend begonnen, in den jüdischen Häusern zu randalieren. „Eingemachtes und Lebensmittel flogen auf die Straße“, erzählte Lara Franken und ergänzte, „Wohnungseinrichtungen wurden zertrümmert.“ In der Synagoge habe man zunächst nur die Einrichtung zertrümmert. Die Synagoge sei nur deshalb nicht angezündet worden, weil man Angst gehabt habe, die Nachbarhäuser in Mitleidenschaft zu ziehen. Am nächsten Tag wurde die Einrichtung der Synagoge im Garten verbrannt.

Die jüdische Synagoge in Schermbeck wurde nur deshalb während der Reichspogromnacht nicht verbrannt, weil man Angst hatte, die benachbarten Häuser in Mitleidenschaft zu ziehen. Repro Scheffler
Die jüdische Synagoge in Schermbeck wurde nur deshalb während der Reichspogromnacht nicht verbrannt, weil man Angst hatte, die benachbarten Häuser in Mitleidenschaft zu ziehen. Repro Scheffler

Über die Vorgänge in der Reichspogromnacht hat die inzwischen verstorbene Jüdin Marga Randall in ihrem Buch ausführlich berichtet: „Es war noch nicht ganz dunkel am Abend des 9. November, als ich meinen Großeltern ihren Gutenachtkuß gab und meiner Tante Paula die Wendeltreppe nach oben zu meinem kleinen Raum folgte. Sie steckte mich in mein Federbett, und ich schlief bald tief und fest. Um 22 Uhr wurde ich plötzlich von Lärm geweckt, der mich so ängstigte, daß meine Zähne klapperten. Ich lief zum Fenster und sah braununiformierte Jungen und Männer, die Backsteine in der einen und Fackeln in der anderen Hand trugen. Sie sangen hässliche antijüdische Lieder. Ich schaffte es kaum zu meiner Familie, die zusammengekauert im kleinen, dunklen Wohnzimmer meiner Großmutter in der Mitte des Hauses saß, dem Raum ohne Fenster. Wir weinten und schrien, wussten nicht, ob wir die Nacht überleben würden.

Die achtjährige Jüdin Marga Randall im Jahre 1938, dem Jahr der Reichspogromnacht. Repro Scheffler
Die achtjährige Jüdin Marga Randall im Jahre 1938, dem Jahr der Reichspogromnacht. Repro Scheffler

Dann wurden wir gezwungen, das Haus zu verlassen. Die Nazis schrien, daß sie das Haus bis auf den Grund und Boden niederbrennen würden. Die Leute des Dorfes schauten zu, als wir verängstigt zum einzigen Unterschlupf rannten, den wir finden konnten, das katholische Krankenhaus am Rande der Stadt [die Red.: heute Marienheim]. Die Nonnen gaben uns Unterschlupf, bis die Nazis uns auch dort fanden und uns abermals zwangen, unsere Unterkunft zu verlassen. Zusammen mit vier anderen jüdischen Familien versteckten wir uns bis zur Dämmerung in den Wäldern.
Im Morgengrauen näherten wir uns erschöpft und geschockt unserem einstmals wunderschönen Haus. Die meisten unserer Möbel und Besitztümer lagen in Stücke zerhackt auf der Straße. Nicht einmal ein Stuhl war heil geblieben. Opas schöner gelber Kanarienvogel war zu Tode getrampelt. Die Leute, die in der Nacht in unser Dorf marschierten und ihre Hasslieder sangen, kamen aus der Nachbarstadt, während die Nazis aus unserem Dorf ihre Zerstörungsorgie im nächsten Ort vollführten. Vielleicht steckte die Überlegung dahinter, dass es leichter sei, Menschen zu misshandeln, die man nicht kennt.“
Die Aufgabe, die historischen Hintergründe für die Reichspogromnacht detailliert zu kennzeichnen, übernahm Dr. Ludger Heid von der Universität Essen-Duisburg. Er bot den Schülern so viele Informationen, dass es in der anschließenden Fragephase – abgesehen von marginalen Bemerkungen zweier Schüler – keinen Bedarf für weitere Informationen gab.

Dr. Ludger Heid von der Universität Essen-Duisburg schilderte den historischen Hintergrund der Reichspogromnacht, Foto Scheffler
Dr. Ludger Heid von der Universität Essen-Duisburg schilderte den historischen Hintergrund der Reichspogromnacht, Foto Scheffler

Über den weiteren Verlauf der Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof auf dem Bösenberg berichten wir im Zusammenhang mit einer Darstellung der Geschichte des jüdiaschen Friedhofs. Helmut Scheffler

Von links: Studienrätin Anna Esetrs, Dr. Ludger heid, Katharina Willing, Schulleiter Norbert Hohmann, Franken, Wilfried Johnen, der geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Foto: Scheffler
Von links: Studienrätin Anna Esters, Dr. Ludger heid, Katharina Willing, Schulleiter Norbert Hohmann, Lara Franken, Wilfried Johnen, der Geschäftsführer des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein. Foto: Scheffler
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Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.