Schermbecker Gesamtschüler inszenierten Ingrid Lausunds „Hysterikon“
In die wunderbar weichgespülte Welt eines Lebensmittel-Supermarktes entführte der Projektkurs der Q2 der Gesamtschule am Freitag- und Samstagabend jeweils etwa 200 Zuhörer.

35-köpfige Theatergruppe

Bereits vor den Sommerferien des Jahres 2016 hatten sich die Mitglieder des Theater-Projektkurses mit ihren Lehrern Safiye Aydin, Christian Völtz und Anna Zerhusen getroffen und entschieden, weder ein klassisches Theaterstück noch Franz Kafkas „Die Verwandlung“ aufzuführen. Sie entschieden sich wegen der Lebensnähe für Ingrid Lausunds Konsumsatire „Hysterikon“, die im Jahre 2001 in Hamburg uraufgeführt wurde. „Es steckte viel Arbeit drin“, erinnerte Anna Zerhusen vor allem an den Endspurt in den letzten 14 Tagen, als die 35-köpfige Theatergruppe fast mehr in der Schule als zu Hause gewesen sei.

Verrückte Verkaufswelt: Nicht einmal beim Warten in der Schlange an einer Kasse bleibt den Menschen Zeit für eine liebevolle Begegnung. Rücksichtslosigkeit macht sich breit. Foto: Helmut Scheffler

Viele Helfer im Hintergrund

„Es war ein totales Vergnügen“, bescheinigte Christian Völtz dem gesamten Team, zu dem neben den Schauspielern Maren Bergermann, Tom Wiegel, Hendrik Paul, Sean Schidelko, Silvan Lippach, Pauline Schulze, Nele König, Nele Ebbing, Nadine Sonntag, Gina Kleinespel, Lara Berger, Friederike Raupach, Felix Hornemann, Elisa Henzel, Dominik Schleich, Charlotte Heinrichs, Celine Gerner, Brit Müller, Juliane Timmermann und den beiden Regieassistenten Lina Knufmann und Sophie Ritter viele Helfer im Hintergrund gehörten, sei es als Werber, Maskenbildner, Kostümgestalter, Bühnenbauer, Licht- und Tontechniker sowie als Zuständige fürs Catering in der halbstündigen Pause.

Umfrage

Es war alles andere als ein gemütlicher Theaterabend, zu dem die Schauspieler das Publikum in ihren Supermarkt auf der Bühne einluden. Bereits vor dem Beginn der Aufführung beteiligten sich zahlreiche Besucher an einer Fragebogenaktion. In kurzen Statements sollten Fragen beantwortet werden, um eine Parallelität zwischen einem Supermarkt und dem eigenen Leben herzustellen. Wäre das Leben ein Supermarkt, was würden Sie reklamieren, was wäre reduziert, was wäre ihr teuerster Artikel, was wäre am schnellsten ausverkauft und was wäre schon abgelaufen?

Skurril, schrill und manchmal extrem

So waren die Zuschauer auf das Geschehen auf der Bühne vorbereitet, in dem es inmitten von gefüllten Geschäftsregalen, auf denen Jogurt neben Schießpulver lagerte, um eine Kette von skurrilen Sinnfragen ging. Skurril, schrill und manchmal extrem komisch traten ganz unterschiedliche Menschentypen auf, um insgesamt ein Zerrbild des Kaufrausches zu zeichnen. Das Warenhaus im „Hysterikon“ war aber weit mehr als ein Zentrum zur Versorgung mit Gütern. Neben Tomaten lagerten Karrieren zwischen Intrige und Verrat, indische Räucherstäbchen neben Menopausen, Träume, Ehrlichkeit und Würde. Und bezahlt wurde nicht nur mit Geld, sondern auch mit Abbuchungen auf einer LifeCard.

Wo die Emotionsakkus im mitmenschlichen Leben verkümmern, bleibt häufig nur der Griff zu Flaschen mit hochprozentigem Alkohol. Foto: Helmut Scheffler

Zur fulminanten Revue aus dem satten Konsumentenleben wurde das Theatergeschehen, eine Aneinanderkettung von mehr als einem Dutzend amüsanter und zugleich provozierender Szenen, in denen der hysterische Kaufrausch schonungslos sichtbar gemacht wurde.

Hysterische Reaktion

Da begegnete man einem Mann, der Schwefelsäure, Draht und eine Eisenstange kaufte, um wie selbstverständlich Menschen umzubringen, dem Mann, der beim Lesen von Nachrichten am Zeitungsstand derart hysterisch reagierte, dass er fortwährend einen Psychiater namens Dr. Petter anrufen musste. Aus einer Kühltruhe tauchte eine alternde Frau auf, die einen gealterten Käufer zu einer Liebesnacht verlockte. Zu den nachdenklichen Szenen-Collagen gehörten der Auftritt eines keifenden Ehepaares, eine Menschenkette an der Kasse, die rücksichtslos das eigene Interesse verfolgte, die „Frau in Gucci“ und das Gespräch des Verkäufers mit einer Kundin über den Wertanstieg einer ganz gewöhnlichen Kaffeekanne durch die Verleihung des Namens „Ferrari-Kanne“.

Ob Frau, die noch genug Schlaftabletten hat, ob „Mann in Armani“ oder „Mann in der groben, bunten Jacke“: Irgendwie verbarg sich hinter der witzigen Typisierung ein gehörige Stück menschlicher Tragik, die von den Q2-Schauspielern großartig transportiert wurde. H.Scheffler

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Heimatreporter
Unter der Artikel-Kennzeichnung "Heimatreporter" postet der Schermbeck-Dammer Helmut Scheffler seit dem Start dieser Online-Seite im Jahre 2013 Artikel über vergangene und gegenwärtige Entwicklungen der Großgemeinde Schermbeck. Seit 1977 schreibt der inzwischen pensionierte Mathematik- und Erdkundelehrer für Lokalzeitungen. 1990 wurde er freier Mitarbeiter des Lokalfunks "Radio Kreis Wesel", darüber hinaus hat er seit 1976 zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte Schermbecks in niederrheinischen und westfälischen Schriftenreihen veröffentlicht. 32 Jahre lang war er Redakteur des "Schermbecker Schaufenster". Im Jahre 2007 erhielt er für seine niederrheinischen Forschungen den "Rheinland-Taler" des Landschaftsverbandes Rheinland.

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