Was ist arm? Das hängt eben manchmal auch vom Standpunkt ab.

Gedankliches von Pastor Klaus Honermann

Ich fange mal am anderen Ende an. Bei einem sehr Reichen.
Es ist armselig und erbärmlich, wenn der Chef von VW ohne Gespür für Anstand und Verhältnismäßigkeit sich Sonderzahlungen in Millionenhöhe genehmigen lässt. VW und andere Autohersteller haben mit krimineller Energie Motoren manipuliert, dem Staat Steuern in erheblichem Ausmaße dadurch vorenthalten und Käufer getäuscht. Und jetzt sind sie nicht einmal bereit, den Kunden ihre Ware, sprich Dieselautos, angemessen zu „reparieren“.

Kein Handwerker könnte sich so etwas erlauben. Wenn es zu einer „Nachrüstung“ kommen sollte, hoffe ich, dass die Regierung VW und andern keine Abschreibung auf Kosten der Steuerzahler erlaubt.

Was ist arm?
Die allermeisten Nutzer der „Tafeln“ sind arm. Dazu gehören Deutsche und Migranten. Und arm ist arm, egal aus welchem Kulturkreis die Menschen stammen.
Wenn jedoch der Vorsitzende der „Essener Tafel“ mit seinen ebenfalls ehrenamtlichen MitarbeiterInnen deutschlandweit angegriffen wird, weil er für eine begrenzte Zeit einen Aufnahmestopp für „Ausländer“ verfügt hat, um älteren deutschen Frauen gleiche Empfangs-chancen gegenüber jungen Migrantenmännern zu ermöglichen, dann hat das nichts mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Und es stimmt auch nicht, dass er die einen Armen gegen die anderen Armen ausgespielt hat.

Ob es zur Lösung des Problems eine „elegantere“ Lösung gegeben hätte, mag ich nicht beurteilen. Jedenfalls ist anzuerkennen, dass eine Gruppe von Menschen einen guten Teil ihrer Freizeit dafür einsetzen, Armen ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Es ist unangemessen, über den Leiter der „Essener Tafel“ herzufallen.

Was ist arm?
Sind Hartz IV-Empfänger arm? Ein künftiger Minister hat das bestritten, weil sie durch den Staat, also uns, ein Dach über dem Kopf haben und nicht hungern müssen. Es stimmt, dass diese Basisversorgung – im Unterschied zu anderen Ländern – vom Staat zur Verfügung gestellt wird.
Und doch: was ist arm? Es genügt nicht, leiblich nicht zu verhungern oder nicht zu erfrieren. Die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben gehört in einem gewissen Maße zum Lebensnotwendigen dazu. Und wenn das nicht möglich ist, ist jemand arm.

Was ist arm?
Deutschland ist in den letzten Jahren immer ärmer geworden an Rücksichtnahme oder Mitgefühl – oder anders formuliert: die Zunahme an Gewalt gegenüber Andersdenkenden oder Fremden und die Tötungen aufgrund von „Besitzansprüchen“ gegenüber einer „geliebten“ Person ist erschreckend.

Was ist arm?
Neulich berichtete jemand, der viel in der Welt herum gekommen ist, dass die allermeisten armen Menschen in Lateinamerika z.B. sich nicht wie bei uns dauernd beklagen, sondern eine große Gastfreundschaft an den Tag legen. Im reichen Deutschland sind wir arm an Lebensfreude.

Was ist arm? Das hängt eben manchmal auch vom Standpunkt ab.

Klaus Honermann Schermbeck

2 KOMMENTARE

  1. Zitat: „Es ist armeselig und erbärmlich, wenn der Chef von VW ohne Gespür für Anstand und Verhältnismäßigkeit sich Sonderzahlungen in Millionenhöhe genehmigen lässt.“

    Okay, aber es sei auch daran erinnert, dass die 27 Bistümer der katholischen Kirche auf einem Vermögen von schätzungsweise mindestens 26 Milliarden Euro sitzen. Wie wäre es mal mit einem umfassenden Anti-Armutsprogramm der Kirche? Geld ist genug da, dagegen sind die paar Millionen des VW-Vorstands tatsächlich „armselig“.

  2. Ach, lieber Pastor Honermann!
    Vielleicht müssen Sie die Gedanken gar nicht erst bis zum VW–Vorstand schweifen lassen, um etwas „Erbärmliches“ zu finden – wie wäre es denn, wenn sie sich mal in der katholischen Kirche umschauen, exemplarisch der in die Geschichtsbücher eingegangene „Protz–Bischof“ von Limburg. Was hat er sich auf Kosten der Kirchen-Steuerzahler und der kirchlichen Spender für einen Palast bauen lassen?

    Ein kleiner Rundgang gefällig? Im ersten Obergeschoss: Wohnzimmer, Küche, begehbarer Kleiderschrank (Schreinerarbeiten für insgesamt 350000 Euro), Gäste-WC und ein Arbeitszimmer. Alles hell erleuchtet, strahlend weiß, mit Oberlichtern und via iPad steuerbarer Technik (Licht, Vorhänge, Raumtemperatur). Über eine hölzerne Treppe mit indirekter Beleuchtung geht es in den Kellerbereich. Hier gibt es ein Schlafzimmer mit Luxusbad (mit freistehender Badewanne für 15000 Euro), ein Archivraum, zwei weitere Zimmer. Eins wurde als Fitnessraum genutzt, eine Sauna war in Planung. Dazu kommen Kunstwerke für 450000 Euro, Fenster einer lauschigen Privatkapelle für 100000 Euro, einem Seilzug für einen Adventskranz für 50000 Euro oder einem schicken Konferenztisch für schlappe 25000 Euro. Insgesamt 31,5 Millionen € hat der Prunk–Palast verschlungen.

    Da brauchen sie gar nicht so viel „gedankliches“ über deutsche Unternehmen zu sinnieren, die ihr Geld durch Verkauf von Produkten verdienen – im Gegensatz zur katholischen Kirche!

    Noch etwas „gedankliches“ aus einem Ihnen sicherlich bekannten Buch: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! – und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!“ Matthäus 7,3 ff.)

    Und bevor sie zukünftig andere Personen verbal „steinigen“ (wie zum Beispiel in Ihrem Artikel den VW-Vorstand), sollten Sie doch mal im Johannes-Evangelium Nachlesen: „Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“

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